Ein Wiedersehen mit dem Saargebiet ist erschütternd. Das Land hat ungeheuer unter den Kriegszerstörungen gelitten. Was nicht englische Bomben vernichtet haben, das haben sinn- und zwecklose deutsche Sprengungen zerstört. In Saarbrücken, der Hauptstadt des Landes, sind jetzt nach fast anderthalb Jahren angestrengter Arbeit einige Brücken notdürftig für den Straßenbahn- und Autoverkehr wiederhergestellt. Etwa 80 v. H. der Häuser sind entweder ganz oder teilweise zerstört. Nur rund 1 v. H. aller Bauten der Stadt blieb völlig unbeschädigt. Trotz alledem wohnen heute wieder von den 130 000 Einwohnern, die die Stadt bei Kriegsausbruch hatte, rund 75 000 in ausgebesserten Wohnungen, in Kellern und Baracken. Nicht anders ist es in der zweitgrößten Stadt des Landes, in Neunkirchen, und in Saarlouis, wo ebenfalls ganze Stadtviertel plattgewalzt sind, während Völklingen, das Zentrum der Röchlingschen Schwerindustrie, fast unbeschädigt blieb.

Die brennendste Frage für die Saarländer heißt: Was soll nun geschehen? Hier, wo Kohle und Eisen die Grundlagen der Volkswirtschaft waren, wo Saarland und Lothringen wirtschaftlich aufs engste verbunden sind, hat die Frage einen besonderen Akzent. Da das Saarland neben seiner Kohle über große Eisenindustrien verfügt, denen Deutschland nicht genügend Erze zuführen kann, so ist namentlich in den Kreisen der Wirtschaft der Gedanke aufgetaucht, das Gebiet, das wirtschaftlich seit 1871 – seitdem es seinen großen Aufschwung genommen hat – aufs engste mit Lothringen verbunden war, wieder mit seinem südwestlichen Nachbarland zu vereinigen. Man will auf diese Weise etwa 100 000 saarländischen Arbeitern, die ohne die Eisenindustrie erwerbslos würden, das Brot erhalten. Man glaubt nicht daran, daß es Deutschland wegen des eng beschränkten Kontingents an Eisen und wegen der wohl für lange Zukunft knappen Devisen gelingen könnte, Erze aus Schweden und Lothringen zu kaufen, und denkt deshalb über alle historischen und nationalen Bedenken hinweg an eine Wirtschaftliche und finanzielle Vereinigung des Saarlandes mit Frankreich.

Diese Auffassung ist uns überall bei den maßgebenden politischen und wirtschaftlichen Persönlichkeiten begegnet. Allein die Kommunistische Partei lehnt diese Orientierung nach Frankreich hin ab. Sie behauptet, daß unter den führenden Persönlichkeiten des Saarlandes, die heute für den Anschluß an Frankreich eintreten, ein Teil ehemalige Nationalsozialisten sind, die ihre Vergangenheit auf diese Weise ungeschehen machen möchten.

Der Mann auf der Straße aber versichert in neun von zehn Fällen, daß er zwar in den Jahren 1920 bis 1935, als das Saargebiet unter der Herrschaft des Völkerbundes stand und wirtschaftlich sowie finanziell an Frankreich angegliedert war, glänzende Zeiten erlebt habe, daß es aber heute wieder zu Deutschland gehöre und daß er mit der Politik der Parteiführer nicht einverstanden sei Unter diesen Umständen müßte man annehmen, daß die Kommunistische Partei, die bei den Wahlen 1932 noch verhältnismäßig stark war, heute über einen starken Zulauf verfügt. Die Gemeindewahlen aber, die am 15. September im Saarland stattfanden, haben den Kommunisten nicht ganz neun v. H. der Stimmen eingebracht, während die Sozialdemokratische Partei des Saarlandes 25 v. H. und die Christliche Volkspartei 53 v. H. erhielten, die restlichen 13 v. H. kamen auf die Liste der Freien Vereinigung. Bei diesen Wahlen handelte es sich aber um Gemeindewahlen, bei denen es keineswegs um die Frage des Anschlusses an Frankreich ging. Übrigens wurde bei diesen Wahlen eine demokratisch bürgerliche Partei nicht zugelassen, weil sie politisch mehr zu Deutschland tendierte.

Hier zeigt sich eine Kluft innerhalb der Christlichen Volkspartei des Saargebiets, die Max Hoffmann, der 1934 zu den führenden Vorkämpfern für den Status quo gehörte, noch große Schwierigkeiten bereiten wird. Die katholische Kirche hat sich bisher sehr klug von allen politischen Maßnahmen zurückgehalten. Die evangelische Kirche, die im September eine von der lutherischen Kirche Amerikas gestiftete Notkirche für Altsaarbrücken auf der Höhe der Spichererbergstraße einweihte, weil die gothische Schloßkirche und die barocke Ludwigskirche mit dem herrlichen Ludwigsplatz durch Bombenangriffe zerstört wurden, hat dem Superintendenten des Saargebiets trotz aller Zugehörigkeit zur Rheinischen Provinzialsynode gewisse Vollmachten für das Saargebiet gegeben. Auch sie bemüht sich, politisch neutral zu bleiben. Trotzdem kann man nicht übersehen, daß gerade aus den protestantischen Kreisen des etwa zu einem Drittel evangelischen Saargebiets mit dem fast zur Hälfte evangelischen Saarbrücken viele Bürger der nicht zugelassenen demokratischen Partei zuneigen,

Die Sozialdemokratische Partei des Saarlandes tritt nur für einen wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich ein, während "Mouvement pour le Rattachement de la Sarre à la France" gänzlichen Anschluß an Frankreich fordert. Diese Bewegung, die keine Partei ist und deshalb auch an den Gemeindewahlen unbeteiligt war, hat nach ihren eigenen Angaben etwa 130 000 Mitglieder. Sie will sich nicht mit dem wirtschaftlichen und finanziellen Anschluß an Frankreich begnügen Sie betont, daß Saarländer und Lothringer eines Stammes wären, gemeinsame Sitten und Gebräuche hätten und durch eine gemeinsame Muttersprache miteinander verbunden wären Ja, sie geht sogar so weit, Deutschland überhaupt nicht mehr als Einheit zu betrachten, vielmehr von verschiedenen deutschen Stämmen zu sprechen. Überall begegnet man den Initialen dieser Bewegung "M.R.S." Überall wirbt sie für ihre französischen Sprachkurse Sie hat etwa 160 Lehrer, die in den Städten und Dörfern etwa zösischen Unterricht geben. Dem Einfluß des "Mouvement" ist es wohl auch zuzuschreiben, daß in den Volksschulen, vom zweiten Schuljahr an bereits französischer Unterricht gegeben wird.

Die französische Kulturpropaganda bietet in einigen Läden französische Zeitungen und Bücher zum Kauf an und setzt sich sehr stark für das musikalisch-künstlerische Leben im Saarland ein. Wir haben einem Sinfoniekonzert in der Wartburg beigewohnt, in der einst die Stimmen nach der Volksabstimmung von 1935 gezählt wurden. Damals sind hier die deutsch-französischen Gegensätze aufeinandergeprallt, diesmal – das Große Orchester des Senders Saarbrücken unter Leitung des berühmten französischen Violinspielers und Dirigenten Gaston Poulet spielte vor deutschen und französischen Hörern Bach, Gabriel Paare und Maurice Ravel, Debussy und Beethoven – konnte man wirklich eine geistige Gemeinschaft spüren. Auf dieser kulturellen Gemeinschaft fußt der "Mouvement" mit Seinen politischen Zielen. Er weist darauf hin, daß Deutsche und Franzosen sich sehr gut verständigen können, er betont immer wieder, wie Churchill in seiner Züricher Rede auf diese Grundlage einer europäischen Einheit verwiesen habe und betont stärker noch als die politischen Parteien die Stellung des Saargebiets als eine Brücke zwischen den beiden Ländern.