Zwei der wichtigsten fragen, um deren Lösung auf der Pariser Friedenskonferenz zäh gekämpft wurde, werden zunehmend weiterhin diskutiert werden, nämlich die Regelung der Donauschiffahrt und die Zukunft der Dardanellen. Beide Probleme gehören zusammen, und ihre Lösung wird für die Erkenntnis des Kräfteverhältnisses zwischen den Weltmächten besonders aufschlußreich sein.

Für Rußland stellt sich das Problem so dar, daß sowohl Donau wie Dardanellen gefährliche Einfalltore sind. Beide bieten Zugänge zum Schwarzen Meer, von Mitteleuropa oder vom Mittelmeer her. Sie offnen den Zugang zu der langen südlichen Meeresfront Rußlands, die – um einen Fachausdruck aus dem Boxerjargon zu benutzen – als Rußlands "weicher Unterleib" bezeichnet wird. Rußland ist daher seit Jahrhunderten bemüht, beide Zugänge zu kontrollieren und ihre Benutzung durch fremde Flotten auszuschließen.

Anderseits sind aber Donau und Dardanellen auch Ausfalltore des Schwarzen Meeres. Die Donau ist eine wichtige Verkehrsader, die bis in das südwestlich Europa hineinreicht, die Dardanellen sind das Tor des Schwarzen Meeres zum Mittelmeer. Hieraus erklärt sich, daß die westlichen europäischen Staaten und die Mittelmeermächte seit über einem Jahrhundert die ausschließliche Kontrolle dieser Wege durch Rußland ablehnen und darauf bestehen, daß in irgendeiner Form auch ihre Interessen mit denen Rußlands abgestimmt werden.

Schließlich und endlich sind Donau und Dardanellen die beiden Hauptschlagadern Südosteuropas und der Türkei. Eine dritte Macht könnte durch ihre Besitznahme diese Gebiete kontrollieren.

Solange das Haus Habsburg und das Osmanische Reich als Großmächte respektiert werden mußten, war die Gefahr, daß eine dritte Macht diese beiden lebenswichtigen Nervenstränge der Weltsicherheit an sich reißen würde, recht gering. Da ihre Kontrollmöglichkeiten weitgehend dahingeschmolzen sind, mußte an ihre Stelle eine internationale Vereinbarung treten, um die Interessen von Ost und West auszugleichen und die Unabhängigkeit der Anliegerstaaten zu sichern. Das Regime der "unteren Donau" wurde seit 1856 und seit 1920 für die gesamte schiffbare Donau durch internationale Flußkommissionen geregelt. Die Dardanellen werden von der Türkei treuhänderisch verwaltet, was zunächst durch den Lausanner Vertrag von 1933 und später durch das internationale Abkommen von Montreux 1936 im einzelnen geregelt worden war.

Vor etwa Jahresfrist hatte es den Anschein, als ob diese beiden internationalen Abmachungen zusammenbrechen würden. Die Donau wird von Sowjetrußland bis über Wien hinaus militärisch kontrolliert, und seine Politik in den Donauländern ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, daß es diese Kontrolle für alle Zeiten ausschließlich ausüben will. Hinsichtlich der Dardanellen verlangte Sowjetrußland gleichfalls, die alleinige Kontrolle durch von ihn und der Türkei gemeinsam verwaltete Flottenstützpunkte.

Es Ist nützlich, sich diese Situation zu vergegenwärtigen, um die Verschiebung der Machtverhältnisse zu erkennen, die sich insbesondere während der letzten sechs Monate vollzogen hat. Der Wechsel ist im wesentlichen auf die Entschlossenheit der amerikanischen Außenpolitik zurückzuführen. Es hat nunmehr den Anschein, als ob Rußland die ausschließliche. Kontrolle der Dardanellen mehr als ein internationales Kompromißobjekt auswerten will und daß es sich wahrscheinlich mit weniger begnügen wird.