An jenem Abend des 27. November 1944, als die Stadt Freiburg an der Reihe war, türmte in grausigen Minuten eine Million Kubikmeter Schutt sich zu Hauf, zerbröckelten die Wände von 15 000 Wohnungen, auseinandergeblasen von der Kraft des Sprengstoffs, Dem, der ihn vor 600 Jahren erfunden haben soll, hat das alles nichts gemacht: mitten in den Trümmern der Altstadt, unbeschädigt und glatt, steht auf hohem Sockel der Mönch Berthold Schwarz. Er steht da seit fast einem Jahrhundert, als die Vaterstadt die fünfhundertste Wiederkehr seiner Geburt feierte. "Berthold Schwarz, Franziskaner Orden und Doctor Alchimist und Erfinder des Schießpulvers, errichtet im Jahre 1855 zum Gedächtnis der fünften Säkularfeier", steht auf der Tafel zu lesen.

Sinnend, die Hand am Kinn, steht er da, den Kopf zur Seite geneigt, einen zweifelnden Ausdruck im Gesicht, als überlege er, ob es etwas Gutes oder etwas Böses sei, was er da angerichtet habe. Ein Relief am Sockel zeigt ihn zwischen seinen Kolben und Retorten hantierend, ein zweites entsetzt zurückfahrend vor der Explosion, die plötzlich den Tiegel zerreißt und eine gewaltige Rauchwolke emporsendet. Gott hatte ihm die Kräfte gezeigt, die In Kalisalpeter, Holzkohle und Schwefel schlummerten. An den Menschen lag es nun, Feuerwerk oder Granaten, Sprengmittel für den Bergbau oder für den Krieg daraus zu machen. Hatte nicht Gott auch den Leuten von Sodom und Gomorrha das Petroleum geschenkt? Konnten sie sich nicht seiner Heilkraft bedienen, spendete es ihnen nicht Licht und Wärme, konnten sie nicht ihre Mauern mit seinem Asphalt verbinden, ihre Schiffe und Körbe mit dem Erdpech bestreichen? Aber die Menschen vermengten den weichen Asphalt mit Ton zu einem Mörtel, und damit mauerten sie den Turm zu Babel, mit dem Schmieröl behandelten sie die Achsen der Kriegswagen, brennendes Erdöl gossen sie auf die Wogen, die feindlichen Schiffe zu verbrennen. Wildschweinen bestrichen sie den Rücken mit Öl, sie als lebende Flammenwerfer in die Reihen der Feind; jagend. Da ergrimmte Gott der Herr, er schleuderte einen Feuerbrand in die großen Petroleumfelder unter den fruchtbaren Tonschichten, die die reichen Städte Sodom und Gomorrha trugen.

Einst, so dichtete J. P. Hebel, gab es z’Fryburg in der Stadt "riiche Heere, Geld und Guet, Jumpfere wie Milch und Bluet". Die reichen Herren sind arm geworden, die Schönheit der Jungfern tat unter Sorgen und Hungerödemen gelitten. Und mitten in der Ruinenlandschaft steht, von keinem Splitter getroffen, der Franziskanermönch. Wenn einst den Männern, die die Atomkraft fanden, ein Denkmal errichtet wird in einer großen Stadt, und dieses Denkmal... nein, so weit wollen wir nicht denken. Aber an seinem Sockel möge das Sinngedicht aus des Angelus Silesius Cherubinischem Wandersmann stehen: Das größte Wunderding ist doch der Mensch allein: Er kann, nachdem er’s macht, Gott oder Teufel sein.

H. H.