Tübingen und Bad Teinach im Schwarzwald waren im Herbst der Schauplatz für ein eigenartiges Experiment, das man nicht ohne Herzklopfen, aber auch nicht ohne gläubige Hoffnung verfolgen konnte. Das Versuchsfeld gab die Jugend dreier Völker ab: Frankreichs, Englands und Deutschlands. Kein Zweifel: dieses erste internationale Studententreffen im Nachkriegsdeutschland bedeutete ein Wagnis, in dem sich zunächst einmal Jugend menschlich zu bewähren hatte, und zwar individuell wie auch als Nation. Dann aber ging es sogleich auch und nicht minder bedeutsam um die Frage, ob Europa als Idee noch unser wirkliches Leben zu bestimmen vermag oder unter dem versengenden Atem des Hasses und der Vernichtung zur Schimäre geworden ist. Wenn der europäische Nachwuchs nichts mehr von der Verpflichtung des gemeinsamen Kulturbesitzes verspürte, wie wäre da eine Zukunft für die Werte abzusehen, die wir bislang noch im Begriff des Abendlandes wie selbstverständlich zusammenfassen?

Man versteht die Zurückhaltung der Teilnehmer zu Beginn. Immerhin handelte es sich um Angehörige jener Generation, die, auf welcher Seite sie auch standen, den stärksten Anteil am unmittelbaren Kampfgeschehen getragen haben. Diesen Studenten und Studentinnen, 450 an der Zahl – davon 300 aus Frankreich, 120 aus Deutschland und 30 aus England –, hatten die letzten Jahre Gesicht und Haltung geprägt. Der Krieg mit seiner zentrifugalen Sprengkraft war das bisher stärkste Erlebnis ihres Lebens gewesen. Es gab so viel Trenendes, so viel schwer zu Verwindendes zwischen ihnen. Begreift man nun, weshalb sich dieser jungen Leute heimlich eine Stimmung der Unsicherheit, ja der Bangigkeit bemächtigte?

Sechs Wochen lang sollte man zusammen wohnen – mindestens drei und möglichst verschiedener Nationalität in einem Raum –, man sollte gemeinsam essen, zusammen sein bei Vorlesungen und Arbeitsgemeinschaften, bei Ausflügen und Spaziergängen, beim Baden, beim Tanzen – immer zusammen. Hieß das nicht einander ausgeliefert sein? Nun, so wenig Organisation und Zwang wie bei diesem Treffen angewandt wurde, erscheint in Deutschland kaum glaublich. An die Stelle des Befehls trat der menschliche Takt, und statt eines aufgeblähten Apparates von Anordnungen und Verfügungen fungierte die natürliche Auffassungsgabe dieser intelligenten Jugend. Schon das war ein Erfolg.

Aber im Grunde war es mehr als nur praktisches Geschick, was die Organisation so beiläufig und beinahe völlig entbehrlich werden ließ. Hier wirkte sich bereits eine innere Einstellung aus, nämlich eine wache, mit geistigen Energien geladene Aufgeschlossenheit für alle Fragen zwischen den Menschen und zwischen den Völkern. Aus ihr erwuchs die Offenheit, mit der die Probleme gesehen und genannt wurden, erwuchs das verständnisvolle Füreinanderdasein, das die Unterschiede nicht liebenswürdig verdeckte, sondern sie sich klar und scharf, ohne Illusionen, eingestand. Die Illusionslosigkeit war das auffallende, In ihr bahnt sich vielleicht die zeitgemäße Wahrheitssuche und eine neue Weise der Redlichkeit an. So sollte man wenigstens nach den Eindrücken dieser wichtigen Wochen meinen.

Seltsam erregend die Bestätigung der bekannten Ergebnisse der Völkerpsychologie, wo man doch zu grundsätzlich neuen Erfahrungen bereit war und nach neuen Entdeckungen trachtete. Oder ist eine ursprünglich empfundene Binsenwahrheit keine solche mehr, sondern wieder echte, quellfrische Wahrheit? – Bei den Franzosen herrschte eine rationale und formale Betrachtungsweise vor, ein auffallendes Zutrauen zur Vernunft und zu vernünftigen Lösungsmöglichkeiten eines Problems. Die Engländer neigten dazu, die Dinge von ihrer unvermittelten, praktischen und ergebnismöglichen Problemlage her zu sehen. Die Deutschen versuchten an den Kern einer aufgeworfenen Frage vorzustoßen und hatten meist nur sich selbst zum Partner, wenn sie dabei unversehens in die Zone des Extremen, Unlebendigen. Absoluten gerieten. Da ist es nicht zu verwundern, daß gelegentlich unter den Deutschen ihre alte Untugend: die Intoleranz, aufbrach, die von den Ausländern wiederholt als gefährlich bezeichnet wurde. – Klingt das nicht alles wie abgeschrieben aus einem Kompendium für Völkerpsychologie, abgeschrieben und aus dem Präsens der Typenschilderung ins Imperfekt des Erlebten übersetzt? Und doch war es so: das Typische drängte sich aus der Mannigfaltigkeit des Individuellen mächtig hervor. Bei aller Unterschiedlichkeit sah man doch auch einige gemeinsame Linien. So ergaben sich gemeinsame Betrachtungsweisen im Hinblick auf die politische Lage. Die Bejahung des Sozialismus war allgemein vorherrschend, womit die Ablehnung der liberal-kapitalistischen Wirtschaftsordnung gegeben war. Immerhin lag hier aber auch schon die Grenze der uneingeschränkten Übereinstimmung. Eine gebundene, das heißt staatlich gelenkte, planwirtschaftlich geführte Wirtschaft, die aber grundsätzlich das Eigentum an Produktionsmitteln anerkennt, fand zahlreiche Fürsprecher. Die Katholiken zielten in der wirtschaftlichen Frage nach dem Sozialismus häufig nach der moralischen Einstellung zum Nächsten. So kam es zu einer Gleichsetzung von Sozialismus und Karitas. Unter den französischen Studenten war die Gruppe derer besonders stark, die für eine Vergesellschaftung aller Produktionsmittel eintrat. Die Engländer legten sich zumeist nicht auf eine bestimmte Regelung fest. Für sie stellte sich das Ganze als eine im Einzelfall zu entscheidende Frage über die zweckentsprechende Organisierung der Wirtschaft dar, die besser nicht mit ideologischen Fragen vermengt werden dürfte und daher wohl auch kaum grundsätzlich, sondern von Fall zu Fall gelöst werden sollte.

Die zweite dringliche Frage betraf das Zusammenleben der Völker. Gegen die bei den Deutschen immer wieder auftauchende These vom Abendland sträubten sich die meisten Ausländer. Man muß sich darüber im klaren sein, daß zwei Faktoren die Einstellung der Franzosen und Engländer zu bestimmen scheinen: erstens darf Deutschland nie wieder in die Lage kommen, potentiell den Franzosen überlegen oder auch nur gleichwertig zu sein. Nicht nur die Bedrohung soll ausgeschaltet werden – denn dann bliebe nichts mehr zu tun übrig –, sondern auch die Möglichkeit einer künftigen Bedrohung. Es hat keinen Sinn, gegen diese Auffassung zu polemisieren; man muß sie einfach als Faktum hinnehmen. Zweitens scheint für die Franzosen und Engländer überhaupt keine Lösung annehmbar zu sein, die eine Bedrohung oder auch nur den Anschein einer solchen gegenüber der UdSSR darstellt. Eine Zusammenarbeit in Europa ohne oder gar gegen die UdSSR wurde konsequent verworfen. Man kann wohl sagen, daß unter ausreichenden Garantien eine Zusammenarbeit mit Deutschland, die die Einbeziehung der UdSSR als Conditio stue qua non einschließt, der Meinung der meisten Anwesenden entsprach.

Wenn in diesen Diskussionen das Abendland (im Sinne Jakob Burckhardts) als alle verpflichtende Idee nicht ohne weiteres zum Ausdruck kam, ja gelegentlich sogar der Eindruck entstehen konnte, als würden die Teilnehmer seine Verbindlichkeit heftig bestreiten, so ist das noch kein Grund, zu verzagen. Vielmehr unterstreicht diese Sachlage nur erneut die Bedeutung, die dem deutschen Beitrag in der Völkerverständigung zukommt. Es wäre wohl denkbar, daß die Deutschen in dieser Haltung von den amerikanischen Studenten unterstützt worden wären, die ebenso wie die Abordnung aus Rußland zum allgemeinen Bedauern verhindert waren. Sch.