Von Wilhelm Lehmann

Da niemand sonst heute schenkt schenken die Bäume. Aus ihrer bunten Höhe tropft es gewichtig und schlägt auf den grünen Rasen. Glühende Klumpen – es ist, als ob sie aufzischten bei der Berührung mit der Feuchte. Aber die Jungen sind hinter diesen Geschenken her. Waren sie es seit je, in diesen Zeitläuften lassen sie den Früchten nicht Zeit, in der Höhe zu platzen, sondern gehen ihnen mit Steinen und Knüppeln zu Leibe, daß es lebensgefährlich wird, unter den Bäumen hinzustreichen, wenn ihre Fäuste am Werke sind. Sie füllen Töpfe und Blechdosen und lassen die Jüngsten nur von fern andachts- und sehnsuchtsvoll zuschauen.

Die herrlichen, satinschimmernden Gebilde, sich um die Kugelform bewegend, in ein weißes Polster gebettet, von stachligem Panzer bewacht – wem gelänge es, sie achtlos mit dem Fuß wegzustoßen? Mag er auch das Staunen verlernt haben, mindestens fällt ihm die eigene Kindheit ein. Die Kindheit besorgt dies edelste Geschäft des Staunens am besten. Wer aber vermöchte es schöner als die Allerjüngsten? Sie und die Allerältesten, die Dichter, schützen uns vor dem Klischee. Vernutzte, zur Routine erstarrte Wortvorräte gespenstern allezeit in uns umher, vampirisch bereit, jeden frischen Eindruck auf- und auszusaugen. Höchstens die geringen Empfindungen, die eben durch sie noch hervorgereizt wurden, regen sich matt: dann fällt das Wort, wie bei der Narkose die Chloroformhaube über den Patienten, über den Eindruck und erstickt ihn. Frisch aber, unvorbereitet, die Dinge ansehen, als geschähen sie zum allerersten Male, das passiert nur den jüngsten, den Unfertigen, und so hüten sie sich, als wären sie weise, mit vollendeten Wortklängen heranzuspringen, sondern umtasten, umfühlen die Geschehnisse wie mit Augen, Händen, Füßen, so mit Lauten. Unverbraucht, eigentümlich, staunenswert, begegnen so auch jene Früchte ihrer Welt: dem erstaunten Innern erwidert ein erstauntes Äußeres. Denn erst fertigen Eindruck und fertigen Ausdruck trennt ein Abgrund, sind aber beide im Zustande des Entstehens, des Werdens, so treffen sie einander wie Lippenpaare im Kuß. Und so lallt Michael, der unsere Erde erst anderthalb Jahre bewohnt, "tanne", Jenspeter, ihm um ein Jahr voraus "kaudert" "hadananie", am wunderbarsten aber pürscht sich der zweijährige Gorch herbei, wenn er die glühenden Schätze, das Unbekannte, das, ach, zu rasch ins öde Bekannte umschlagen wird, "stainmio" apostrophiert. Und als Agathe noch klein war, nannte sie Daniel, den Nachbarssohn, Kastaniel. Die Glücklichen! Sie stehen noch vor der Tür, die zur alles verwässernden, alles verdünnenden Gespensterwelt der bloßen Redensarten führt, der Scheinwelt, in der die Erwachsenen, die zu Ende Gewachsenen, sich als Schonen bewegen.

Durch modellierten Atem geben wir den Dingen Namen. Aber selbst das Atmen wird Routine, und beneidenswert ist, wer diese Namen neu zu empfinden vermag, wenn er sie schon nicht mehr zu erfinden braucht. Je länger er unberedet bleibt, desto tiefer wird der Eindruck, und demjenigen, der lange zu schweigen vermag, schwebt, wie dem Kinde die Kastanie die Welt entgegen als Gedicht.