Eine Zuschrift

In dem Artikel "Noch autoritärer?" (in Nr. 29 der "Zeit") wird die vom Zentralamt vorgenommene Errichtung von Hauptstellen und Vorrats- und Einfuhrstellen einer Kritik unterzogen.

Soweit darin von der Selbstverwaltung und Einschaltung der Wirtschaft gesprochen wird, werden alle Kreise des Handels dem Artikel nur zustimmen können, denn lange genug hat sich die Wirtschaft die Bevormundung durch Hauptvereinigungen und Reichsstellen gefallen lassen müssen. Solange allerdings die zentrale Wirtschaft besteht, Wird die Einschaltung zentraler Organisationen nicht zu umgehen sein. Daß in diesen die Wirtschaft weitgehend mitbestimmend sein muß, ist die Forderung aller interessierten Kreise.

In der Praxis ergeben sich für die Einflußnahme der Wirtschaft doch mehr Möglichkeiten, als die Verordnungstexte erkennen lassen. So ist z. B. die Vorrats- und Einfuhrstelle Fischwirtschaft errichtet, die als erste ihre Tätigkeit aufgenommen hat. Bei ihr ist ein Fachausschuß aus Vertretern aller Einfuhrsparten der Fischwirtschaft gebildet. Als Mitglied dieses Fachausschusses kann ich sagen, daß der Start dieser Stelle und ihre bisherige Tätigkeit in jeder Phase von der Wirtschaft bestimmt wurde, natürlich innerhalb der von der Militärregierung gezogenen Grenzen. Von dem Vorsitzenden, einem Einfuhrkaufmann, wurden die von den einzelnen Sparten der Einfuhrwirtschaft gewählten Vertreter in den Ausschuß berufen. Da diese Vertreter ausnahmslos die Voraussetzung für eine freie demokratische Durchführung der Arbeiten mitbringen, steht der wirtschaftlich geführten Arbeit der Vorrats- und Einfuhrstelle Fischwirtschaft nichts entgegen. In der Vorrats- und Einfuhrstelle FW ist nicht die leiseste autoritäre Richtung vorhanden.

Ich kann nicht sagen, ob auch bei den anderen Vorrats- und Einfuhrstellen derartige Fachausschüsse eingerichtet sind. Man wird die angekündigte besondere Verordnung mit näheren Bestimmungen über die Aufgaben und die Geschäftsführung der Vorrats- und Einfuhrstellen abwarten müssen, in der diese Angelegenheit geregelt werden wird. Die Praxis der Vorrats- und Einfuhrstelle FW läßt jedoch Raum für die Hoffnung, daß es auch in den anderen Branchen – sei es nun Getreide und Futtermittel, Vieh und Fleisch, Fette und Eier, Kartoffeln und Gartenbauerzeugnisse – möglich sein wird, autoritäre Tendenzen zu vermeiden und durch einen Fachausschuß den Einfluß der Wirtschaft geltend zu machen. Heinrich Wegner, Hamburg 4