Von Johann Albrecht v. Rantzau

I.

Ob wir es wissen, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, wir leben seit vielen Generationen im Zeichen der Demokratie. Von jeher hat es nur zwei Herrschaftsformen gegeben, die Herrschaft von Gottes Gnaden und die Herrschaft durch den Willen des Volkes. Im Orient, in der griechischrömischen Antike, in der Geschichte des modernen Europa ist die Herrschergewalt zunächst mit religiöser Weihe umgeben. Der Monarch ist nur Gott verantwortlich. In – gleichem Maße, in dem ins Gottesgnadentum zurückgedrängt wird, tritt an seine Stelle die Demokratie.

Demokratie liegt vor, sobaldnicht Gott die Quelle der politischen Autorität ist, sondern die Staatsgewalt vom Volke ausgeht. Im modernen Abendland kam das Prinzip der Volkssouveränität durch die englischen Revolutionen des 17. Jahrhunderts zur Geltung, in der Französischen Resolution drang es auf den europäischen Kontinent vor. Seitdem hat die moderne Volkssouveränität mannigfaltige Erscheinungsformen angenommen. Schon die konstitutionelle Monarchie des 19. Jahrhunderts, indem sie die Handlungsfreiheit des Herrschers von Gottes Gnaden zugunsten einer Volksvertretung beschränkte, bedeutete einen Schritt zur Demokratisierung. Parlamentarische Monarchie, parlamentarische Republik, Diktatur einzelner Personen, die sich auf den Volks willen berufen, und Diktatur eines Teiles des Volkes über die andern Teile: alle diese Regierungsformen sind insofern demokratisch, als in ihnen allen dem Volkswillen ein Einfluß auf die Staatsgewalt zu-– gebilligt wird: Ganz gleich also – dies muß man heutigen Kritikern der Demokratie zu bedenken geben –, ob Demokratie ein Ideal ist oder nicht, sie ist jedenfalls seit langem in Europa, Amerika, Australien, in Teilen von Asien und Afrika der Vorherrschende Zustand.

II. Um die ganze Erde wandert heute die Frage: Was ist Demokratie? Und überall, in jedem staatsbürgerlichen Unterricht, in jeder politischen Versammlung wird die stets gleichlautende Antwort erteilt, die ja auch in jedem Lexikon zu lesen steht: Demokratie ist Herrschaft des Volkes. Diese Definition aber, so unanfechtbar sie ist, hat offentlich etwas sehr Unbefriedigendes an sich; denn die Erkundigung nach Sinn und Wesen der Demokratie reißt niemals und nirgends ab. Dies aus gutem Grunde. Denn eine Begriffsbestimmung vom Wertsinn her ist immer unzureichend, wenn Mai unter dem Wort mehrere Bedeutungen verbergen. Und gerade so verhält es sich ja heute mit der Demokratie. Wie der General Marshall kürzlich in China feststellte (vgl. "Die Zeit" Nr. 30 vom 12. September), gibt es heute in der Welt mehrere Arten der Demokratie.

Diese uns allen mehr oder weniger bewußte Tatsache erscheint bei näherer Prüfung des Sachverhalts durchaus nicht verwunderlich. Ja, geradezu notwendigerweise muß es mehrere Formen der Demokratie oder Volksherrschaft geben, weil es doch im politischen Sinne mehrere Bedeutungen des Wortes Volk gibt. Volk kann die Gesamtheit der Einwohner eines Staates bedeuten. Ebensooft aber wird als Volk nur der wirtschaftlich schwache Teil der Bevölkerung im Gegensatz zu den Besitzenden bezeichnet. Schon in Platons Staat heißt es: Eine Demokratie entsteht, wenn die Armen den Sieg davontragen und von der Gegenpartei die einen hinrichten lassen, die andern verbannen. Je nachdem also, wie das Wort Volk aufgefaßt wird, kommt es zu einer toleranten oder intoleranten Demokratie. Bedeutet Volk die Gesamtheit der Bevölkerung ohne Ausschluß irgendwelcher Gruppen oder Personen, so entsteht die tolerante oder parlamentarische Demokratie; alle politischen Richtungen, auch solche, die über verhältnismäßig wenige Anhänger verfügen, können da im wichtigsten Organ der staatlichen Gewalt, im Parlament, vertreten sein. Bedeutet aber Volk ausschließlich die Armen, wie seinerzeit Platon sagte, oder die Proletarier, wie im 19. Jahrhundert Karl Marx es ausdrückte, so entsteht eine intolerante oder diktatorische Demokratie. Dann kommt es zur Herrschaft einer Partei oder einer Klasse über die andern und zu deren Beseitigung, ganz gleich, mit welchen Mitteln diese Vernichtung vollzogen wird.

III.