Sollte die Schattenmauer, die sich zwischen den Geist der französischen Klassik und uns gestellt tat, seit zwei Jahrhunderten eine Bresche bekommen durch ein neues Licht, das im Drangsal der Zeiten mit heraufstieg? Die Münchner Phaedra-Aufführung stellt uns diese Frage und beantwortet sie, Mindestens in einer Hinsicht, mit Ja. Denn der für befremdlich gehaltene, nur auf Seminarien oder von Kennern gelesene, hierzulande kaum je gespielte Racine begegnet nunmehr jener tiefsten unserer Nöte, die da aus der Abwertung des Menschenbildes stammt. Er begegnet dieser Abwertung, die den Erdkreis erfaßt hat, mit einem Menschenbild, das, bei sehr genauer Kenntnis menschlicher Leidenschaften und dämonischer Abgründe, dennoch nie dem Gedanken verfiele, der Mensch sei eine Art Raubtier, das sich vergeblich mühe, über das, was es "im Grunde" sei, hinauszugelangen. Bei Racine fängt der Mensch beim Hochmenschlichen an; was darunter ist, erscheint ihm nicht als der "eigentliche" Mensch, sondern als (schuldhafter) Abfall.

Nun, wer zu zittern gelernt hat vor den Flammenseichen des Untergangs, die nur um ein weniges gedämpft, noch an allen Horizonten züngeln, der ist empfänglich geworden für die Qualität des Menschlichen, die in dem Trauerspiel "Phaedra" unter das zart-strenge Gericht des Gewissens gestellt und dem Zugriff der Götter mit einer Grausamkeit unterworfen wird, die nur Sinn bekommt, wenn wir sie unter dem Zeichen der Menschenbilderhaltung sehen lernen. Er ist ja in "Phaedra" so, daß die Götter durch die falsche Kunde von des Theseus Tod die bis dahin mit ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Hippolyt heimlich und -tapfer ringende Phaedra verlocken, sich den Hammen ihres Innern zu überlassen. Sowie aber diese Verlockung, dank Phaedras Nachgeben, geglückt ist, verderben sie nicht nur die Erstschuldige, sondern ziehen in den Strudel des Untergangs alle anderen mit hinein. Theseus wird der Gattin und des Sohnes, Aricia des künftigen Gatten beraubt, Oenone gibt sich den Tod, ihre Herrin folgt ihr nach. Darf man in diesem Schicksalsherhalten die fublimierung des antiken Tragödienstoffes durch den christlichen Geist des Abendlandes erkennen? Denn hier bei Racine haben ja die olympischen Götter, haben vor allem Aphrodite und Neptun deutlich dämonische Funktionen: einen Schritt vom Wege des hohen menschlichen (christlichen) Ethos ab, und schon (aber auch erst dann!) fällt der schuldig gewordene Mensch diesen Göttern anheim. Das bedeutet, daß die Zone der Tragik auch jetzt nicht aufgehoben, daß ihr der Mensch, solange er Sein hohes Ein-Bild wahrnimmt, nur enthoben ist, Sir aber sogleich anheimfällt, wenn er sich ungeordneten, in Schuld verstrickenden Leidenschaften überläßt. Und das ist ja in der Tat der christliche Standort gegenüber aller Tragik und einer, den ans tragische Zeiten wieder besser bedenken lehren.

Im Theater am Brunnenhof hat Arnulf Schröder das edle Trauerspiel in einen strengen Rahmen Richard Panzers Bühnenbild) gestellt, zugleich aber durch eine sehr bemerkenswerte, dabei durchaus Zurückhaltende Bühnenmusik (Mark Lothar) die Etappen dieses unaufhaltsamen Untergehens atmend abgeteilt und so mit Hilfe der Töne das geleistet, Ins Anfang der zwanziger Jahre Tajroff vom Moskauer Kammertheater bei seiner (auch in München gezeigten). Phaedra-Inszenierung mit der Farben- und Bewegungssymbolik einer mit kultischem Ernst getätigten offenen Verwandlung gewagt hat. Schröder hat die Schillersche Übertragung zugrunde gelegt, aber sie in vielem aufs feinste gekürzt oder im sprachlichen Ausdruck gerafft (bekanntlich hat Schiller diese Übertragung in seiner tödlichen Erkrankung und mit einiger Hast zu Ende bringen müssen). Da Schiller für den gereimten Alexandriner Racines den reimlosen Blankvers wählte, so ist indirekt durch Lothars Bühnenmusik etwas von der verlorengegangenen (Reim-) Musikalität des Originals zurückerobert worden.

Am merklichsten triumphierte die Kunst des Spielleiters in der Art, wie er das Bild der Phaedra von allen Schlacken der Reinlichkeit freizumachen vermocht hat, die sich zu Unrecht an diesen Namen geheftet. Noch mehr: die Phaedra Anne Kerstens war nicht nur keine Buhlerin, die dem jüngeren Mann und Stiefsohn hemmungslos, schamlos verfällt, sie war auch keine Heroine in der klassischen Manier, die uns das Klassische immer etwas befremdlich macht, als hätte sich das Menschliche darin allzu tief unterkühlt. Wie sie alles Gefühl, jeden, auch den leidenschaftlichsten Ausdruck, ganz nach innen nahm, das machte nicht nur dem Spielleiter, sondern auch der Darstellerin selbst Ehre. Sie hat damit eine neue Stufe ihrer Kunst betreten. In seiner männlichen gereiften Würde wie in seiner jähen Eifersucht war Renars Theseus der ebenbürtigste Partner. Auch Hans Cossy spielte einen Hippolyt, der entschieden männlich, für diesen lichten jungen Heros und lauteren Charakter jedoch um etliches zu düster geriet. Lieblich zum Ansehen war Eva Vaitls Aricia; es war ihr im Gegensatz zu Phaedra gut, daß sie mehr im Statuarischen verblieb: reine Liebe streng verkörpernd. Die Aufführung wurde mit atemloser Aufmerksamkeit und, nach Verdienste mit stärkstem Beifall aufgenommen.

Hanns Braun