Von Wolf Stubbe

in tief beglückendes Bewußtsein wird beim Wiedersehen von Gemälden und Zeichnungen der deutschen Romantiker in den neu eröffneten Kabinetten der Hamburger Kunsthalle zuerst wach, das Bewußtsein nämlich, daß die Kräfte unseres Gemüts weniger geschwächt sind, als man es nach dem auch inneres Leben begrabenden Geschehen der letzten Jahre wohl fürchten konnte. Die altbekannten, langgeliebten Kunstwerke, die wohlgeborgen – aber auch unseren Blicken verborgen – in Bunkern und Tresoren vor drohender Vernichtung bewahrt blieben, sind uns nicht fremd geworden, wie es die Begegnung mit alten Bekannten gerade heute oft schmerzlich fühlen läßt. Unsere Liebe zu ihnen, wenn sie sich vielleicht auch wandelte, wurde nicht schwächer, im Gegenteil!

Sind es im Augenblick auch nur wenige Räume, die in der Kunsthalle ihrer eigentlichen Bestimmung zurückgegeben werden konnten, so offenbart diese Schau doch den Charakter und die Stärke des Museums eindringlich. Denn die besonderen Bedingungen der Entstehung des Hamburger Museums und die glückliche Auswertung der in dieser Stadt gegebenen sammeltechnischen und kunstpädagogischen Möglichkeiten durch Lichtwark und Pauli brachten es mit sich, daß im Rahmen eines vom 14. Jahrhundert bis in die Gegenwart reichenden Kunstbesitzes die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts am wirksamsten zur Darstellung gelangte. Nicht aus einer fürstlichen Galerie hervorgegangen, wie die Museen in den ehemaligen Residenzstädten, beruht der Grundstock der weit jüngeren Hamburger Sammlung auf verschiedenster privater Sammeltätigkeit, und erst vor 60 Jahren, das heißt 10 Jahre nach ihrer Gründung, wurde ihre Entwicklung in feste Bahnen gelenkt, als Alfred Lichtwark sie zu einem Museum ausbaute, das hinfort die Züge seiner starken Persönlichkeit trug. Lichtwark begann nicht mit einem verspäteten, zur Wirkungsosigkeit verurteilten Versuch, es den großen international eingestellten höfischen Sammlungen gleichtun; seine stets wachen Kräfte waren vielmehr Harauf gerichtet, Kunst und Künstler Hamburgs aus /ergangenheit und Gegenwart und wesentliche Kunstwerke Fremder mit Darstellungen aus der hamburgischen Heimat zu finden.

Wenn als das Ergebnis seiner Bemühungen dabei eine besonders ausgezeichnete Sammlung deutscher Malerei des 19. Jahrhunderts entstand, so war das nicht nur die Folge des äußeren Umstandes, daß die Zahl guterhaltener künstlerischer Dokumente aus jüngerer Vergangenheit größer war als die früherer Zeugnisse, sondern dies entsprach auch der inneren Bedeutung des heimischen Kunstlebens, das im 19. Jahrhundert Vielfach eine solche Höhe erreichte, daß es ohne weiteres erlaubt war, die hamburgische Kunst, zumal der ersten Hälfte des Säkulums, in die allgemeine Entwicklung großer deutscher Kunst einzufügen. Ja, am Beginn des vorigen Jahrhunderts übernahm mit der sich innig um eine neue Kunst verzehrenden Persönlichkeit von Runge und mit der neuen bedeutungsschweren Landschaftsmalerei von Friedrich, der in der Grundform seiner Bestrebungen sich eng mit Runge berührt, auch der weitere deutsche Norden wieder die Führung in der Malkunst. War dann die absolute Höhenlage vom Beginn des Jahrhunderts in der späteren Entwicklung der hamburgischen Malerei auch nicht zu halten, so bedeutete die auch weiterhin bewahrte heimatliche Note doch nicht schlechtweg eine geistige und künstlerische Verengung: auch die spätere, spezifisch hamburgische Kunst gab wesentliche Beiträge zur allgemeinen Kunstentwicklung und bereicherte sie erheblich. Auch wirkten neben den, das Bild der engeren Heimat in ihrer Weise erlebenden und gestaltenden Künstlern, den Genslern, A. Kauffmann, O. Speckter, neben jenen also, die mit ihrem Schaffen alte, in Hamburg seit je gepflegte Traditionen aus der niederländischen Malerei weiter entwickelten, die hochbegabten, jung verstorbenen Meister des Nazarener Kreises, E. Speckter und V. C. Janssen etwa, Maler, die weit über die Grenzen ihrer Heimat hinausblickten und – den allgemeinen Gang der späteren Romantik kraftvoll fördernd – in der italienischen Kunst der werdenden Hochrenaissance nach Prinzipien künstlerischen Schaffens suchten.

Genau hundert Jahre sind vergangen, seit die Sammlung durch den Kunstverein auf Antrag des Architekten Stammann mit sechs Bildern gegründet wurde. Heute nun, nach sieben Jahren der Verbannung, sind die auf ein vielfaches gewachsenen, nach ihrer großen Mehrzahl glücklicherweise gut erhaltenen Bestände zu neuer Wirkung befreit.