Im Zeitalter der Planung, und Lenkung erscheint es als Selbstverständlichkeit, daß alle verglichen Kräfte dort zum "schwerpunktmäßigen Einsatz" kommen, wo sie den größten Nutzen für die Linderung des schlimmsten Notstandes versprechen. Also etwa: daß, um dem generellen Lebensmittelmangel und speziell dem Eiweißhunger abzuhelfen, jedes verfügliche Schiff der Hochseefischereiflotte nun auch in der Fangsaison voll ausgenützt wird und daß die Anlandungen nach einheitlichem Plan auf die verarbeitenden Betriebe verteilt werden, sofern sie nicht, im unmittelbaren Versand, als Frischfische den binnenländischen Verbrauchern zugeleitet werden. Mit Erstaunen hört man nun, daß die praktische Handhabung von dergleichen selbstverständlichen Forderungen ganz erheblich abweicht, weil Sonderinteressen vorhanden sind, die sich der zentralen Planung und Lenkung mit Erfolg entgegenstemmen.

In Wesermünde, so wird uns berichtet, liegt eine Reihe von Fischdampfern auf aus verschiedenartigsten Gründen: es fehlt bald an Kohle, bald an Eis, bald an Reparatur- und Umbaumöglichkeiten auf den örtlichen Werften. Warum aber werden die Schiffe nicht anderswo ausgerüstet? Antwort: Wesermünde gehört, als Exklave, zum USA-Besatzungsgebiet – und an der Schranke des "Zonenegoismus" scheitern alle Versuche, zu einer einheitlichen Führung und Lenkung in der Hochseefischerei zukommen...

Andererseits ist es nun wieder so, daß die in Wesermünde beheimateten Fischdampfer gehalten sind, ihre Fänge dort zu "landen", und daß ihnen nur in Ausnahmefällen die Genehmigung gegeben wird, andere Fischereiplätze aufzusuchen. Die Folge davon ist, daß die fischverarbeitende Industrie im Gebiet der USA-Exklave an der Unterweser voll beschäftigt ist, während anderwärts die Betriebe völlig stilliegen oder nur zu 20 und 25 v. H. ihrer Kapazität arbeiten können – mit entsprechenden Konsequenzen für die Preisgestaltung gemäß der Überbelastung mit fixen Kosten. Diese Auswirkungen des "Zonenegoismus" sind aber noch nicht das Schlimmster Vollends grotesk wird die Situation erst dadurch, daß im Wechselspiel zwischen dem industriell übermäßig versorgten Wesermünde und den von dort aus konsummäßig zu versorgenden Teilen des USA-Zone die Absicht entstanden ist, neue Betriebe der Fischverarbeitung tief im Binnenlande – insbesondere von Bayern war die Rede – aufzubauen. Was das bei einer Kapazitätsausnutzung der "alten" fischverarbeitenden Betriebe der britischen Zone in der oben angegebenen Höhe von 20 bis 25 v. H. bedeutet, dürfte klar sein: Fehlinvestitionen der schlimmsten Art!

Die Gerechtigkeit gebietet es, festzustellen, daß die Fischereiinteressenten in Wesermünde selbst mit einigermaßen gemischten Gefühlen einer Entwicklung gegenüberstehen, in die sie mehr hineingedrängt als planmäßig, und mit eigenem Willen hineingegangen sind, Sie sehen voraus, daß sie ihre Monopolstellung in der Belieferung der USA-Zone über kurz oder lang verlieren werden, wenn erst die einheitliche Ernährungswirtschaft für die beiden Westzonen, wie beabsichtigt, zur Durchführung kommt, und sie möchten den Anschluß an ihre alte Abnehmerschaft in der britischen Zone, von der sie jetzt vorübergehend getrennt sind, so bald als möglich wiedergewinnen. Die "Zonenautarkie" ist also durchaus nicht nach ihrem Geschmack, besonders deshalb nicht, weil sie für Roh- und Hilfsstoffe und für Baumaterial zum Wiederaufbau ihrer zerstörten Einrichtungen auf Lieferungen aus der Nachbarschaft angewiesen sind, während Stuttgart und München ihnen da kaum helfen können. Wesermünde gehört, so meinen sie, zu Niedersachsen und nicht etwa zu Bayern. Daß die USA-Zone ihre eigenen Häfen haben muß, ist eine unbestreitbare Notwendigkeit. Aber es erscheint nicht zweckmäßig, nun gleich auch den drei, süddeutschen Ländern, die wirtschaftlich in Kürze mit der britischen Zone vereinigt werden, für jede Art wirtschaftlicher Betätigung einen separaten Eingang an der Nordsee zu schaffen. E. T.