Ein schönes Beispiel dafür, daß jede tiefschürfende sozialwisseuschaftliche Analyse heute wieder bis an die Grenzen des Metaphysischen (oder aber der Erkenntniskritik) führt, bietet die hier besprochene Göttinger Dissertation. Gleichzeitig sollen so-die in dem Aufsatz "Das Nächstliegende" (Nr. 33 der "Zeit") angeschnittenen Fragen bis zur entscheidenden Problemstellung vertieft werden.

Der Versuch, aus einer vergleichenden Betrachtung oder, wie vielleicht besser zu sagen wäre, aus einer Konfrontation des literarischen Lebenswerkes von Friedrich Naumann, August Winnig und Ernst Jünger zu wesentlichen sozialwissenschaftlichen Einsichten zu kommen, mag zunächst mit Kopfschütteln aufgenommen werden. Allzu verschiedenartig erscheinen die Ausgangspunkte der drei jeweils durch eine volle Generationsbreite geschiedenen Autoren (Naumann geboren 1860, Winnig 1878, Jünger 1895). In der uns vorliegenden Form einer Göttinger Dissertation (abgeschlossen 1945 unter dem Titel "Der Arbeiter", von Dr. Hannah Vogt; Verlag August Schönhütte & Söhne, Grone-Göttingen) zeigt sich allerdings, daß der Versuch zu einem glücklichen Ergebnis geführt werden konnte

Naumanns Lebenswerk beschäftigt sich mit der "Arbeiterfrage". Sie ist das Ergebnis einer zeitgebundenen Problematik, ist entstanden in der Welt des Liberalismus. Die Problematik beginnt, wie Dr. H. Vogt in der Zusammenfassung ihrer Ergebnisse sagt, mit der Unabhängigkeitserklärung der Vernunft, mit der Proklamation des selbstmächtigen Menschen, der sein Dasein in eigene Regie nimmt. Der Mensch wird als freie Persönlichkeit verstanden man glaubt, daß aus der Summierung lauter konsequent verfolgter individualistischer Interessen schließlich die allgemeine Harmonie hervorgehen würde. Wohlstand und Glück aller Menschen herbeizuführen. erscheint zunächst als ein leichtes.

Aber bald zeigt sich, daß der Mensch seine Kräfte und Möglichkeiten überschätzt hat, und zwar zeigt es sich zuerst im Leben der Arbeiterschaft. Die "Arbeiterfrage" entstand, als offenbar wurde, daß Wohlstand, Glück und Freiheit dem Arbeiter im freien Spiel der Kräfte versagt blieben. Nun wollte man ihm seinen Anteil an den verheißenen Gütern schaffen – eine innerhalb der liberalen Welt unlösbare Aufgabe, wie sich erwiesen hat.

Neben diesen Bemühungen um Korrekturen, wie sie das "Zeitalter der klassischen Sozialpolitik" erfüllen, steht das Bestreben, eine von Grund auf neue Gesellschaftskonstruktion zu schaffen. Mit dieser Problemstellung kommt das Zeitalter der "sozialen Frage" herauf. Das gemeinsame Kennwort für all die verschiedenen Fragen der neuen Gesellschaftskonstrukionen heißt: Sozialismus. Die bedeutendste der sozialistischen Gesellschaftsutopien ist die marxistische.

Die "soziale Frage", lange Zeit nur theoretisch behandelt, gelangte zur praktischen Bedeutung erst nach dem Weltkrieg. So lange hatte das Gefüge der vorliberalen Ordnungen im wesentlichen standgehalten. Als der Weltkrieg die letzten Reste der christlichen Tradition des Abendlandes verzehrt hatte, wurde von Mangel an sozialer Ordnung, an Autorität und an Gemeinschaft sichtbar, der katastrophalen Charaktur trug. So wurde die "soziale Frage" akut, und mit ihr wurden es die besher nur theoretisch behandelten Lösungsentwürfe. In Rußland begann das große Experiment des ("marxistischen") Kommunismus; aber auch in den europäischen Ländern wurde auf mannigfaltige Weise experimentiert. Die verschiedenen Formen des Faschismus lassen sich nur von diesem Hintergrund der sozialen Auflösung, der Ratlosigkeit und Verwirrung aus begreifen. In der Zuwendung zu autoritären Gedanken und zur ‚,Gemeinschafts"-Idee offenbart sich die Erkenntnis, daß die liberale Idee den Kräften der Selbstauflösung und der Zerstörung gegenüber versagt hat. Aber die Ersetzung ökonomischer Gesellschaftstheorien durch biologische bringt keine Lösung.

Das hat das Experiment des Nationalsozialismus, dieser aus Hybris und Verzweiflung geborenen Sozialutopie, wie Dr. H. Vogt sagt, nur zu deutlich gezeigt. Dies Experiment hat entscheidende Schichten davon überzeugt, daß die Ursachen der Not tiefer liegen, als man bisher glauben konnte. Man erkennt nun wieder, daß die Ursachen aller sozialen und nationalen, aller rechtlichen und staatlichen Not im Wesen des Menschen selbst liegen. Und man bemüht sich, hierüber ins reine zu kommen: Lebens- und Glaubensfragen treten wieder in den Mittelpunkt der geistigen Auseinandersetzung.