Bei den vorzeitigen Herbststürmen des Jahres 1946 gab eine der zahllosen Ruinen den aussichtslosen Widerstand und das Warten auf Unterstützung auf und stürzte, sich neigend und rutschend, zusammen. Dasselbe tat ein Mann, der von den letzten Ausläufern der Trümmer erfaßt wurde und durch sechs Jahre Krieg und anderthalb Jahre Nichtkrieg zu sehr mitgenommen war. um sich mit einem wendigen Sprung in Sicherheit zu bringen.

Im Krankenhaus wurden Quetschungen und Brüche festgestellt, und die Ärzte erledigten, was in solchen Fällen zu tun ist. Der Verletzte – nach dem Krankenblatt Franz Schirmer, 51 Jahre alt, Architekt von Beruf, zur Zeit ohne Beschäftigung – fand sich auch mit dieser Schicksalswendung, nach so vielen Schicksalswendungen, die ihn und andere im Lauf der Jahre betroffen hatten, ziemlich gelassen ab. Er erfüllte gewissenhaft das tägliche Ritual einer Krankenhausordnung und war im übrigen nicht ganz anwesend. Womit er jedoch weder bei dem Personal noch bei den Kranken auffiel; denn wer ist heutzutage immer gänzlich da!

Die Schwester hatte ihm Bücher hingelegt, leichtbekömmliche, unaufregende Kost. Oft jedoch lagen die mageren Hände mit dem geöffneten Buch auf der Bettdecke, und der Patient gab sich einem lahmen Gedankenflug hin. Unter der Bettwärme schossen auch die Erinnerungen ins Kraut.

In Prima waren sie, wenn man es bedenkt, in einem Punkt alle gleich: sie sehnten das Ende der Schulfron herbei und harrten auf den Beginn des Lebens. Leben, das hieß soviel wie Freiheit, Liebe, Abenteuer. Wenn die Väter der Ungeduld Zügel anlegen mußten, sagten sie, mit verstecktem Neid in der Stimme: "Du hast noch das ganze Leben vor dir, Junge!" Das wußte man allein und starrte begierig auf das Examen wie auf ein Tor zu Wundern und Rätseln. Leider machte der Ausbruch einer großen Zeit einen schroffen Strich durch diese Hoffnungen. Statt "Frei ist der Bursch" mußte "Argonnerwald" und "Ich hatt’ einen Kameraden" gesungen werden, und statt Studium und durchschwärmten Nächten gab es den trostlosen Wechsel zwischen Todesangst und grauenhafter Langeweile. "Sie stehlen mir meine Jugend", dachte Franz Schirmer oft, im Unterstand oder irgendwo tief in den Dreck gewühlt. "Aber es kann ja nicht ewig so weitergehen. Einmal ist Schluß, d dann, ja dann...!" Eines Tages war wirklich Schluß, und er war sogar heil davongekommen.

"Greif nur hinein ins volle Menschenleben", empfahl das Dichterwort, und die so heißersehnte Gelegenheit dafür war da, hätte man meinen sollen. Aber so interessant, wie im gleichen Zitat versprochen, war das Leben nun leider nicht. Vielmehr war es grau, schmuddelig und ein unerschöpflicher Quell von Sorgen. Alle Welt war in Hast, verlorene Zeit und flüchtiges Geld einzuholen, auch Vater Schirmer drängte, doch möglichst bald und für alle Fälle ein Examen zu machen. "Also gut", sagte Franz, "auch dies muß durchgestanden werden. Leben ist es gerade nicht. Aber tun wir inzwischen, was verlangt wird, und warten ab, daß die normalen Verhältnisse wiederkehren."

Sie kamen wieder: jedenfalls behaupteten es manche Zeitungen. Wie jedoch er in dieser Zeit lebte, dünkte ihm keineswegs normal. Statt Bauten zu errichten, unter deren Entwurf man voll Genugtuung "Franz Schirmer fecit" setzen konnte, arbeitete er als kleine anonyme Hilfskraft im Konstruktionsbüro einer Baufirma. Das Warten, der Zweifel, ob denn der Vorhang zum Leben überhaupt noch aufgehe, war manchmal unerträglich.

Dennoch, unvermutet, läutete die Stunde der Verheißung auch für ihn, als er nämlich das Mädchen Irma kennenlernte, eine anmutige Blondine mit betörenden Rundungen und hellwachen Augen. Erschauernd gestand er sich, daß sein Leben in dem gleichen Augenblick beginnen würde, sobald Irma die Seine würde. An ihrer Seite, dessen war er gewiß, würden sich alle in ihm schlummernden Kräfte entfalten, unter ihrer Liebe alle Stimmen des Lebensorchesters unisono erklingen. Das Mädchen Irma fand diese Vorstellungen berechtigt, und in dem erregenden Klima ihres Verheißens und Zögerns reiften sie rasch zu praktischen Plänen heran. Wieder erwies es sich, daß Münchhausens Geschichte, wie er sich an den-eigenen Haaren aus dem Sumpf zog, nicht gelogen, sondern aus dem Leben gegriffen ist. In zwei Jahren hatte Franz Schirmer, den Blick unbeirrbar in die Zukunft gerichtet, geschafft; was seine Braut für die ersten Schritte ins Leben veranschlagt hatte.