Von Georg Kessel

Es ist wieder das gleiche Bild wie im Herbst 1945: die Kartoffeln für die Winterversorgung der Städte werden zum erheblichen Teil nicht" waggonweise herangeschafft, sondern in Traglasten von 10, 60, 80 Pfund. Und der Einkauf vollzieht sich nicht in handelsüblichen Mengen, in Zentnern und Tonnen, sondern in einer neuen Einheit, wie sie sich im Hamsterverkehr allgemein herausgebildet hat: jeder Bauer gibt jedem Nachfragenden "eine Handvoll" ab, kostenlos oder zu Sätzen, die mitunter nur den Charakter einer Anerkennungsgebühr haben, mitunter den Überpreisen des Schwarzen Marktes entsprechen. Trotz aller Zusagen, daß die Lebensmittelversorgung im ganzen und speziell die Versorgung mit Winterkartoffeln auskömmlich sein werde, trotz aller Maßnahmen zur Bekämpfung des "schwarzen" Einkaufs und des Tauschhandels halten die chaotischen Verhältnisse der "Selbsthilfe" in der Lebensmittelbeschaffung an. Soweit es sich um eine echte Selbsthilfe handelt,wie bei der Nachlese auf den vom Bauern vielfach nicht bis zum letzten abgeernteten Feldern, ist dagegen nicht viel zu sagen. Aber im grofen und ganzen zeigt die Entwicklung doch, wie gering der moralische Kredit ist, den die Organisator der Erfassung beim Produzenten, die Organisation der Verteilung bei der Verbraucherschaft genießt – und wie wenig sich die öffentliche Lebensmittelbewirtschaftung letztlich durchzusetzen vermag.

Dazu kommt, daß die Unsicherheit auf dem flachen Lande immer noch beträchtlich bleibt. Viehdiebstähle auf den Koppeln, aber auch Beratungen einzelner Höfe sind an der Tagesordnung; die polizeilichen Organe sind diesen Erscheinungen gegenüber weitgehend machtlos. Auch von dieser Seite her also sind Produktion und Erfassung bedroht.

Mit einer erstaunlichen Ideenarmut, mit einer allgemein als bedenklich empfundenen Sterilität steht die zentrale Instanz für das Ernährungswesen in der britischen Zone den sich aufdrängenden Problemen gegenüber. An Anregungen, wie die agrarische Produktion im ganzen gefördert werden könnte, hat es ja seit Jahr und Tag nicht gefehlt. Aber die Zusammenfassung dieser Anregungen in einem "Generalplan" und dessen entschiedene Propagierung ist ausgeblieben. Was von britischer Seite statt dessen als "Generallinie" verkündet worden ist, daß nämlich das Schwergewicht der Erzeugung auf Getreide, Kartoffeln und Ölfrüchte verlegt werden müsse, erschien wenig durchschlagend. Bei unzureichender, Düngemittelversorgung erbringt Getreide zu wenig Nährstoffe je Flächeneinheit; Ölfrüchte sind allzu unsicher im Ertrag, und Hackfrüchte brauchen viel natürlichen Dünger – aber gerade dieser fehlt bei dem einschneidenden Abbau der Rindviehbestände. Bei dieser Art Planung kommt überdies die Erzeugung an fett- und eiweißhaltigen Nahrungsmitteln zu kurz weg; daß Vegetabilien allein das erforderliche Existenzminimum nicht zu liefern vermögen, haben die Erfahrungen der letzten Monate zur Genüge dargetan Die "autarkisch" auf Getreide und Kartoffeln abgestellte Produktionsplanung wird vermutlich binnen Jahr und Tag in England selbst eine ebenso schroffe Kritik erfahren, wie das jetzt bei der Unterhausdebatte gegenüber der Exportplanung, mit dem Schwergewicht auf die Kohlen- und Holzausfuhr, der Fall gewesen ist.

Es bleibt die Hoffnung, daß nach der Vereinheitlichung der Lebensmittelbewirtschaftung in den beiden Westzonen die Initiative zu einer Gesamtplanung geschaffen wird, die sich nicht nur darauf beschränkt, dem Bauern weiterhin väterlich ermahnend zuzureden, sondern ihm – außer klaren Richtlinien und konkreten Ratschlägen – dann auch die wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen Produktionsaufbau in die Hand gibt. Solange das nicht der Fall ist, steht das Erfassurigsproblem im Vordergrund. Ein kluger Beobachter der ländlichen Verhältnisse hat dazu bemerkt, es sei bedenklich, ja sogar verfehlt, die Organisation der landwirtschaftlichen Selbstverwaltung verantwortlich mit der Erfassung zu betrauen, weil sie angesichts des geradezu unvermeidlichen Zusammenbruchs des Erfassungssystems sich in dieser Aufgabe verbrauchen und diskreditieren würde. Eine rein staatlich-verwaltungsmäßige Erfassungsorganisation sei aus diesem Grunde vorzuziehen.

Diese Auffassung ist freilich einseitig und deshalb falsch. Gerade wenn die Erfassung bedroht ist, muß, bei der Wichtigkeit ihrer Aufgaben für Volk und Wirtschaft, das denkbar beste System dafür eingesetzt werden – auch auf die Gefahr hin, daß es sich verbraucht. Es erscheint undenkbar, die Erfassung mit einem bürokratischen Apparat bis in den Kreis und bis in die Gemeinde hinein durchzuführen. Der Inspektor oder Sekretär, der (womöglich noch Ostflüchtling, deshalb "parteimäßig unbelastet") auf dem Dorf wohnen und sich dort versorgen muß, mit der Aufgabe betraut, das Ablieferungssoll auf die einzelnen Betriebe umzulegen und von diesen einzufordern, würde sich alsbald einer hoffnungslosen Situation gegenübersehen; er würde sich alsbald "festziehen" – oder korrumpiert werden. Wird aber die bürokratische Organisation nur bis in die Kreis-Instanz hinein ausgebaut, so daß die Erfassungsarbeit in der Gemeinde-Instanz den Organen der allgemeinen Verwaltung überlassen bliebe, so ist bei deren jetzt schon gegebener Überlastung das Fiasko nicht weniger sicher. Wenn überhaupt, so hat hier, auf dem Gebiet der Erfassung, die bäuerlich-berufsständische Selbstverwaltung. ihre Aufgaben.

Das ist zumindest für Schleswig-Holstein durch einen entsprechenden Landtagsbeschluß bereits erkannt und anerkannt. Vor etwa zwei Monaten hat der Kieler Landtag, bemerkenswerterweise einstimmig, im Anschluß an die Beratung der Verordnung über die "Landesbauernkammer" eine Resolution gefaßt, die eine Neuorganisation der (ernährungswirtschaftlichen) Marktordnung auf demokratischer Grundlage fordert. Dazu heißt es: "Jede Regelung wird abgelehnt, die darauf abgestellt ist, das ehemalige auf Diktatur begründete autoritäre und zentralistische System des Reichsnährstandes in verschleierter oder sogar überspitzter Form fortzuführen. Träger der Verantwortung und Inhaber der künftigen Vollzugsgewalt auf allen Stufen des land- und ernährungswirtschaftlichen Verwaltungsaufbaus müssen die auf demokratischer Grundlage gewählten Vertretungen der beteiligten Wirtschafts- und Berufsgruppen sein."