Von Erwin Metzke

Im Gegensatz zu aller uiopisch verstiegenen Schwärmerei und jeglichem weichlich-verschwommenen Philanthropinismus steht Kants großer Friedensentwurf in so überraschender Aktualität vor uns, daß man im folgendem Artikel auch überschreiben könnte: "Kant und mi die UNO."

Im Herbst 1795 erschien bei Nicolovius in Königsberg ein philosophischer Entwurf "Zum ewigen Frieden", dessen Verfasser Kant war. Noch im gleichen Jahre ging eine erweiterte Auflage in Druck, die 1796, also vor nun gerade 150 Jahren, erschien und seitdem als die bedeutendste philosophische Manifestation zum Thema unzählige Male gedruckt und übersetzt worden ist.

Daß der Weise von Königsberg, der in einer umgreifenden Revolution des Geistes der Philosophie eine neue Grundlage gegeben, den Menschen selbst aber in eine gesteigerte Verantwortung vor sich selbst gestellt hatte, nun aus der Tiefe seiner philologischen Welt unmittelbar zu einer Kernfrage politischer Daseinsgestaltung das Wort ergriff, war schon für sich ein Ereignis. Philosophen und Politiker wurden dadurch zu gemeinsamer Diskussion gedrängt.

Kants Stimme mußte – und muß auch heute noch – um so mehr zum Aufhorchen zwingen, als gerade er das Gegenteil eines schwärmerischen Utopisten war: ein radikaler Kritiker aller unwirklichen, die Erfahrung überfliegenden Spekulationen und Projekte. Bereits des jüngeren, noch vorkritischen Kant scharfer Angriff auf den schwedischen Mystiker und Geisterseher, den "Schwärmer und Erzphantasten" Swedenborg, zeigte, wie heftig Kant im Gegensatz sowohl zu allen unkontrollierbaren "Hoffnungen der Zukunft" wie zu allen luftigen Denkgebäuden und rationalistischen Konstruktionen der damaligen Metaphysik stand. Seine Kritik der reinen Vernunft aber, die ihm den Namen des "Allzermalmers" einbrachte, war eine ebenso gründliche wie grundsätzliche Besinnung auf die unübersteigbaren Grenzen des menschlichen Erkennen? überhaupt, die allen metaphysischen Träumen ein Ende machte.

Seinen eigenen transzendentalen Idealismus ab "höheren Idealismus" zu bezeichnen hat Kant deshalb mit schroffer Entschiedenheit abgelehnt: "Beileibe nicht der höhere. Hohe Türme und die ihnen ähnlichen metaphysisch großen Männer, um welche gemeiniglich viel Wind ist, sind nicht für mich. Mein Platz ist das fruchtbare Bathos (die fruchtbare Niederung) der Erfahrung".

Kant hat sich auch über den Menschen keine Illusionen gemacht. "Aus so krummen Hohe, als woraus der Mensch gemacht ist, kann nichts ganz Gerades gezimmert werden", heißt es in der "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" von 1784. Und gerade der spätere Kant hat mit der wachsenden Einsicht in die Macht des Bösen, die in seiner Lehre vom radikalen Bösen ihren stärksten Ausdruck gefunden hat, alle noch aus seiner Jugendphilosophie vorhandenen optimistischen Reste getilgt und an die Stelle seiner einstigen Betrachtungen über den Optimismus seine Schrift über das Mißlingen aller Versuche in der "Theodizee" (1791) gesetzt.