Von Max Grantz

Das erste, was man von einer Stadt erwartet, ist ein "vernünftiger" Stadtplan im Zusammenhang mit einer entsprechenden Architektur. Unter einem "vernünftigen" Stadtplan versteht man, daß die Straßen übersichtlich geführt und von zweckentsprechender Breite, daß die Plätze ausreichend bemessen und gut verteilt, die öffentlichen und privaten Gebäude richtig angeordnet sind. Dabei wird eine gewisse Einheitlichkeit der Architektur, gegenseitige Größenabstimmung und würdige Haltung erwartet. Es gibt Städte, die beides vermissen lassen. Sie verdienen nicht. Städte zu heißen, sondern Wasserköpfe, wüste Häuserhaufen, in dienen, nach Goethes Wort, "der Zufall mit leidigen Besen alles zusammengekehrt hat".

Wir sprechen hier nur von denen, die auf Grund der in ihren Plan und Aufbau anzutreffenden Ordnung Anspruch darauf erheben können, als Städte zu gelten. In ihnen begegnen wir der Ordnung in zweierlei Form: Einmal hat man alle Straßen schnurgerade geführt oder in "rechten" Winkeln, das heißt um 90 Grad gekreuzt, und die Plätze ebenso regulär begrenzt, ein andermal sind die Straßen leicht gekrümmt, auch mitunter verengt oder gelegentlich steigend und fallend, die Platzwand und Platzfläche ebenfalls unregelmäßig gestaltet. Auch dem Laien ist dieser Unterschied der beiden Ordnungen geläufig. Er erinnert sich beispielsweise an den berühmten Schachbrettplan von Mannheim, anderseits an den Plan irgendeiner mittelalterlichen "malerischen" Stadt. Im ersten Fall gleicht der Plan einer geometrischen Zeichnung, im zweiten den Adern oder Rippen eines Blattes. Manchem wird vielleicht die Schönheit des organisch gewachsenen mittelalterlichen Stadtplans, wie etwa der von Lübeck, noch nie bewußt geworden sein. In der Tat gehören solche organischen Stadtpläne in die Reihe der Kulturdenkmale.

Aber mit jeder Art von Plan verbindet sich auch eine besondere Art zu bauen. Es besteht da ein merkwürdiger Zusammenhang, der nicht übersehen werden darf, und es besteht gerade heute, da wir uns überraschenderweise noch einmal mit der Grundlage unserer zerstörten mittelalterlichen Städte zu beschäftigen haben, die große Gefahr, Planformen und Aufbauformen zu vereinigen, die nicht zueinander gehören. In einer Stadt mit organisch bewegter Straßenführung muß anders gebaut werden als in einer solchen mit geraden Straßen und Rechteckplätzen!

Die Planungsform, die elastisch den Unregelmäßigkeiten des Gebäudes folgt, gilt als die ursprünglichere und ältere. Dennoch ist auch der geometrische Stadtplan uralt. Als vor zweieinhalb Jahrtausenden aus Milet in Kleinasien der Pytagoräer Hyppodamos nach Athen kam, lehrte er eine neue Stadtbaukunst auf geometrischer Grundlage. In seiner neuen "hyppodamischen Manier" wurde damals die Hafenstadt Piräus (an Stelle von Phaleron) angelegt. Daraufhin hat Aristoteles später den Hyppodamos als "Vater der Stadtbaukunst" hoch gepriesen. Und als solcher hat Hyppodamos noch lange Zeit gegolten, obwohl er keineswegs die geometrische Stadtplanung, die im Orient längst geübt worden war, erfunden hat. Die Römer haben ihre Städte teils naturalistisch, teils abstrakt-geometrisch angelegt. Ihre Hauptstadt glich einem Chaos. Das Mittelalter, hat nicht nur den bekannten, bewegten, sondern auch den strengen Stadtgrundriß zum Beispiel in Südfrankreich und im Bereich des deutschen Ordens angewandt. Sobald aber einmal die theoretische Beschäftigung mit städtebaulichen Fragen auflebt, überwiegt natürlich das Interesse für rationale Bildungen, für "Idealstädte" auf geometrischer Grundlage mit rechteckigem oder sternförmigem Umriß, für den auch Dürer und Michelangelo Vorschläge beigesteuert haben. Was unsere Zeit betrifft, so wird – dem Maschinenzeitalter zum Trotz – die organische Planung im Vordergrund stehen, schon allein deswegen, weil, wie gesagt, unsere zerstörten Städte größtenteils organisch geplant waren, und wir ihre Straßenführung und erhaltenen Baudenkmäler nicht ignorieren können. Im übrigen dürften die Zeiten, in denen man sich modernste Riesenstädte von unendlichen Dimensionen erträumte, vorüber sein, und die Großstadt der Zukunft wird sich wahrscheinlich aus einem Verband von Nachbargemeinden von überschaubaren und erträglichen Abmessungen zusammensetzen.

Es gewährt immer ein eigentümliches Vergnügen, aus einem organisch gebildeten Plan Rückschlüsse auf die Beschaffenheit des Geländes zu ziehen – wie aus den Höhenschichtplänen moderner Landkarten. Den Stadtplan der mittelalterlichen Stadt hat nämlich kein "Esel" gezeichnet, wie Corbussier einmal meinte, er ist der Niederschlag höchst praktischer Vernunft und Beratung. Da unsere alten Städte Kinder des Handels waren, dienten ihre Plätze vorwiegend als Marktstätten, während die übermächtige turmgeschmückte Kirche das Ansehen der Stadt nach außen hin zu repräsentieren hatte.

Wie könnte es anders sein, als daß auch die Architektur teil hat an den Unterschieden der beiden Planungsmethoden! Schon jede "schiefe" Aufstellung eines Bauwerks würde die strenge Gesetzmäßigkeit des geometrischen Stadtplans verletzen, weiterhin würde uns jegliche Unregelmäßigkeit in der Ausbildung der Gebäudefronten unerträglich erscheinen. Es finden sich also aus demselben Geist, der den Plan geschaffen hat, auch gewisse ästhetische Folgerungen gezogen, wie Einhaltung der Symmetrie, Betonung der Mitte, Einheitlichkeit der Achsenabstände, der Gesimshöhen, Firsthöhen. Bei dem Stadtplan der andern Art dagegen, der keine Achsen besitzt, steht der Monumentalbau im Schwerpunkt, und der Turm bildet, auch über die Dächer hinweg, den Blickfang für alle. Und wie dieser Monumentalbau, so ist dann auch jedes Haus auf eine besondere Weise gestellt und gebaut. Keineswegs malerisch oder romantisch im lässigen Sinne, sondern wie ein lebendiger Organismus, der noch unbewußt wächst und nicht nach einer abstrakten Idee gebildet wird.