In Dänemark scheint es sprichwörtlich geworden zu sein, daß es "auch noch gute Deutsche" gäbe, etwa so wie man im Dritten Reich bei uns davon sprach, daß man aber auch diesen und jenen "anständigen Juden" kenne. So konnte sogar der dänische Zeitungsleser jetzt vereinzelt einmal in seiner Presse von "guten Deutschen" lesen.

In ganz Dänemark hat es während der Besatzungszeit deutsche Soldaten gegeben; die die Stimme ihres Gewissens höher stellten als die ihnen, erteilten Befehle. Die Erinnerung an diese Menschen stellt heute einen deutschen Aktivposten dar. In den Kreisen der dänischen Widerstandsbewegung war die Wehrmachthaftanstalt in der inländischen Hafenstadt Kolding sehr bekannt geworden. Hier wurden in den letzten zwei Jahren vor der Kapitulation laufend 150 bis 200 Mitglieder der dänischen Untergrundbewegung von der Gestapo gefangengehalten, verhört, mißhandelt und von dort oft in deutsche Konzentrationslager ibergeführt. Oberste Befehlsgewalt führte die Gestapo; die Wachmannschaften waren deutsche Heeresangehörige, die sich fühlbar von den Gestapobeamten distanzierten und unter deren Augen manche Handlung unternahmen, die den Kopf geröstet hätte, wäre man überrascht worden. Die deutschen Wachen hatten im Laufe der letzten zwei Jahre Tausende von Lebensmittelpaketen, in die Gefängniszellen hineingeschmuggelt. Entgegen strengen Anordnungen hatten sie für ärztliche Betreuung gesorgt, geholfen und gewarnt und vielen Dänen das Leben gerettet Die Zahl der Dänen, die durch dieses Gefängnis gegangen sind, ist sehr hoch. Viele von ihnen kamen von dort ins KZ, dann jedoch in so guter körperlichen Verfassung, daß sie widerstandsfähiger waren als andere Insassen. Etwa 60 bis 70 Prozent – so wurde in Dänemark geschätzt – aller aus deutschen KZ zurückgekehrten Dänen, die vorher in Kolding inhaftiert gewesen waren, verdanken Mitgliedern der deutschen Wehrmachtwache ihr Leben, weil sie dank ihrer Unterstützung die Strapazen durchhalten konnten,

Gefahr für die helfenden deutschen Hände drohte nicht nur von der Gestapo, sondern kam auch von dänischer Seite von den "Stikkern", jenen Denunzianten, die für einen Judaslohn ihre eigenen Landsleute verrieten. Sie wurden von der Gestapo als Spitzel pro forma mit ins Gefängnis gesteckt.

Es kam der Tag der Kapitulation. Selbstmorde bei der Gestapo. Die deutschen Gefängniswachen aber wurden Gäste Dänemarks bis zur Rückkehr in die Heimat. R. G.