Von O. Bosch

Daß Gesundheit nicht nur Privatsache, sondern auch eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse ist, braucht heute nicht besonders betont zu werden. Gedeih und Verderb eines Gemeinwesens hängen vom Gesundheitszustand der Bevölkerung ab, der die Leistungsfähigkeit bedingt Ein Berliner Arzt entwirft im folgenden unter den Gesichtspunkten seines Beruf? ein Bild der "Insel" Berlin, die ein so besonders schweres Schicksal zu tragen hat.

Nach dem Zusammenbruch hatte der Magistrat Berlin beschlossen, daß alle Angestellten und Arbeiter, alle Handwerker und Gewerbetreibenden Im Rahmen der "Versicherungsanstalt Berlin" versicherungspflichtig seien. So werden nun etwa 90 v. H. aller Berliner von der Krankenkasse betreut. Die Erkrankungen der Arbeitenden selbst wie auch die ihrer mitversicherten Angehörigen können also zur statistischen Auswertung herangezogen werden: Vom 1. Juli 1945 bis Anfang Mai 1946 wurden rund 1 1/2 Millionen Krankenkassenmitglieder ärztlich behandelt, mit Arzneien versehen, in Krankenhäuser aufgenommen. Umgerechnet auf ein volles Jahr, käme die Zahl von insgesamt 2,6 Millionen Patienten zusammen, das heißt: für fast 70 v. H. ihrer Mitglieder müßte die Krankenkasse eintreten. Daß dies ein anomaler, höchst besorgniserregender Zustand ist, bedarf keiner Erläuterung. Sehen wir von den Ambulantkranken ab und wenden wir uns nur den arbeitsunfähigen Kranken zu, so wird das Bild nicht günstiger. Am 1. Februar 1946 waren von etwa einer Million arbeitenden Kassenmitgliedern über 111 000 arbeitsunfähig (16 206 lagen in Krankenhäusern), während man in normalen Zeiten nur mit etwa 35 000 arbeitsunfähigen Kranken zu rechnen gehabt hätte Ein so hoher Krankenstand mußte allerdings den Verdacht erwecken, er könne durch Arbeitsscheu und Drückebergerei hervorgerufen sein. Im letzten Quartal 1945 wurden daher zur Kontrolle rund 200 000 vertrauensärztliche Nachuntersuchungen vorgenommen. Diese ergaben jedoch, daß 96,2 v. H. wirklich arbeitsunfähig krank waren. Es ist dadurch erwiesen, daß der allgemeine Gesundheitszustand in Berlin außerordentlich schlecht und die Gesamtarbeitsleistung niedrig ist.

Bei der Prüfung dieser hohen Krankenzahlen trifft man auf bemerkenswerte Befunde. Eine kleine Gruppe von Kranken leidet an Malaria, die neuerdings in Berlin heimisch geworden ist. Es kam zu 250 monatlichen Neuerkrankungen in der Sommerszeit. Und zwar wurde die Malaria während des Krieges eingeschleppt durch scheinbar gesunde Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, die aus malariaverseuchten Ländern stammten und von den im Seen- und Sumpfgebiet um Berlin heimischen Anopheles-Mücken – den Überträgern der Malaria – heimgesucht wurden.

Größere, erschreckende Beunruhigung ruft die steigende Zahl der Geschlechtskrankheiten hervor. In einem Bezirk im Norden Berlins wurden, vor dem Kriege bei Frauen monatlich etwa sieben Fälle von Gonorrhöe und drei Fälle von Syphilis gemeldet; heute werden im gleichen Bezirk bei Frauen monatlich fast 100 Fälle von frischer Gonorrhöe und 39 Fälle von frischer Syphilis verzeichnet. Die Mehrzahl dieser Frauen ist im Alter zwischen 16 und 21 Jahren, es sind jedoch auch 40jährige und ältere unter den Patientinnen. Der Beirat zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten beim Landesgesundheitsamt gab aber noch weitere sehr bedenkliche Zahlen bekannt: Insgesamt wurden in Berlin im Juli 2392, im August 3044 frische Gonorrhöefälle sowie 1119 beziehungsweise 1264 frische Syphiliserkrankungen erfaßt.

Noch ernster sieht es mit der Tuberkulose aus. Es ist aus früherer Zeit bekannt, daß mangelnde Ernährung stets ein Ansteigen der Tuberkulosezahl nach sich zieht. Diese Erfahrung bestätigt sich auch heute. Am ungünstigsten sieht es dabei im Arbeiterbezirk Wedding aus, wo nach einer Mitteilung des Bürgermeisters schätzungsweise jeder vierte Bewohner eine Tuberkulose und jeder zwanzigste sogar eine aktive Tuberkulose hat. Dabei besteht durch die Wohnraumknappheit keine Möglichkeit zur Isolierung der Kranken. berechnet auf eine Bevölkerungszahl von etwa drei Millionen, wäre in Berlin bei einem Lebensstandard von 1938 mit dem Tod von monatlich 198 Tbc-Kranken zu rechnen gewesen. Demgegenüber starben aber 1946 in Wirklichkeit im Januar 818, im März 863, im Mai 821 Personen.

Die Statistik der Todesursachen ergibt auch für die andern Infektionskrankheiten ein aufschlußreiches Bild. 1938 starben, berechnet auf drei Millionen Einwohner, monatlich 29 Menschen an akuten Infektionskrankheiten, 1946 fielen ihnen dagegen im Januar 628, im März 375, im Mai 193 Kranke zum Opfer. Aber auch die andern Erkrankungen haben auffällig zugenommen, die grippalen Infekten, Lungenentzündungen, die Sepsis, die Erkrankungen der Verdauungsorgane, des Herzens und des Kreislaufs.