Von Trat Maren Jaquemar

Es sind noch dieselben Brücken über der Seine; es steht noch schlank und hoch derselbe Eiffelturm am Marsfeld, es ist immer noch derselbe Are de Triomphe, der am Ende der aufwärtsstrebenden Lichterreihe der Champs Elysées wie ein dunkles Tor zum Himmel sich in den Abend redet, es schwebt noch immer der Hauch von Romantik um die Türme mit den Teufelsfratzen von Notre-Dame. Heute genau wie damals: Paris. Und doch – das alles ist Kulisse. Zeugnis aus früheren Zeiten, ein historischer Hintergrund, vor dem sich das Leben unserer Tage abspielt.

Den ersten Eindruck von Paris vermittelt, ein Bahnhof, auf dem die Dienstmänner unbeschäftigt warten. Den zweiten Eindruck geben die Kioske, in denen Zeitungen und Zeitschriften in Stößen ausliegen; ihre Namen sind neu und zeugen von der Veränderung seit zwei Jahren. "Le populaire de Paris", "Combat de la Resistance à la Revolution", "France-Soir", "Paris-Presse", "Quatre et Trois". Daneben fällen alte Bekannte auf wie ..L’humanité", "Le Figaro", "L’Aube", "Le Correfour".

Ehe man noch recht zur Besinnung gekommen, wird man von der Metro verschluckt, der guten alten Metro. Aber ein Blick auf die Mitfahrenden zeigt, daß es nicht möglich ist, bei gewohnten Vorstellungen von Paris wieder anzuknüpfen. Schon der äußere Eindruck der Pariser ist anders, nämlich schlichter geworden. Wo sind die Jünglinge vom Typ-"Zazon" mit den dauergewellten Mähnen, bandschnalen Schlipsen über langem, grellfarbigem Jackett und mit den sich nach unten verengenden Hosen? Wo sind die älteren und jüngeren "Backfische", Ausgabe "Swing", mit dem hochgebauschten Haar, Sammetschleifchen und dem weiten wippenden Rock voll Volants und Rüschchen? Die jungen Herren’ sind männlicher geworden, und bei den Frauen herrschen drei Typen vor: "Sport", "Gretchen" und "Mona Lisa".

Ja, sehen wir die Menschen ein wenig an, die Menschen und die Moden! Bei Tage erblickt man vorwiegend den englisch beeinflußten Sportstil, der sich bei den älteren Damen in der Machart des "Tailleurs", des Schneiderkostüms, ausprägt, dessen enger Rock bis zum Wadenansatz reicht. Die Damen gehen in weiten, gürtellosen Jacken, deren Rückenteil glockig geschnitten ist und deren Raglanärmel die Schultern stark betonen, so daß von weiblicher Figur kaum noch etwas zu erkennen ist. Dazu tragen sie aber noch immer die riesige Schulterntasche, den andersfarbigen Rock und dicksohlige Wildlederschuhe. Dies also ist der "Sport"-Typ. Die jungen Mädchen kommen in Buschjacken, in weiten, glockigen, großkarierten Wollröcken, in Hemdblusen in handgestrickten Pullovern mit Norwegermustern, in Kniestrümpfen und derben Lederschuhen. Und dieser Typ "Gretchen" entspricht in seiner Ausprägung schon mehr dem, was man sich in Europa unter Pariser Schick vorstellt, wie auch die Haartracht die Blicke auf sich zu lenken weiß: Mittelscheitel und als Diadem ein falscher Zopf, der zu sagenhaften Preisen "hintenherum" an "Stammkundinnen" verkauft wird. Und nun sollte es nicht für möglich halten, was sich für Variationen mit so einem Zopf erfinden lassen! Sie tragen ihn geflochten, wie das Original-, gretchen, rund um den Kopf, sie drehen ihn wie eine Kordel zweisträhnig oder lassen ihn in der Wellenfülle des schulterlangen eigenen Haares verschwinden. Sie lassen den Zopf sogar als Schmuck des Kleides wirken – geflochtener Zopf als Abschluß (es Halsausschnittes, so will es die Mode vom Tsge.

Am Abend aber verschwinden die "Sports" und die Gretchen aus dem Straßenbild. Und dann promenieren auf den Boulevards Vor leuchtenden Schaufenstern die "Mona Lisas", die unter breitkrempigen, dunklen Filzhüten das Gesicht wie von einem Heiligenschein umschlossen tragen. Haarfülle, gewellt oder lockig, quillt hervor, die im Rücken bis zu den Schulterblättern herabfällt. Das Haar muß rötlich in allen Schattierungen sein, von der Tomatenfarbe bis zum dunkelsten Tizian. Die Pariser Friseure vollbringen wahre Meisterleistungen im Färben, das ist gewiß.

Aber eins muß auch gesagt werden: Die modischen Frauen sind dennoch in der Minderheit, luxuriös gekleidete Frauen sieht man sehr selten, der allgemeine Eindruck der Pariserin ist schlicht, sehr schlicht sogar. Auch beim "make up" ist die Parisern im Gegensatz zu früher maßvoll geworden Ja, viele verzichten völlig darauf. Sollte es etwa nicht genügend Puder und Schminke geben, nicht genügend Cremes und Parfüm? Oh, daran liegt es nicht, aber ein Blick in das nächste Schaufenster gibt Aufklärung: die Preise sind hoch. Es sind ja die Schwarzmarktpreise der Jahre 1943 und 1944, die hette die offiziellen Ladenpreise darstellen. Hier liegt auch der Schlüssel zu dem sozialen Problem dieser Stadt! Wer monatlich 4000 bis 5000 Francs verdient, kann unmöglich 500 für Essen am Tage ausgeben; der kann es sich kaum leisten, im Jahr ein Kleid für 10 000, eine Handtasche für 6000, einen Pelzmantel für 18 000, einen Rock für 3000, einen Pullover für 2000, ein Paar Schuhe für 1000 und ein Paar Handschuhe für 800 Francs zu kaufen. Außerdem sind Textilien und Strümpfe nur auf Punkte und Schuhe nur auf Bezugschein zu haben, und wenn man sie "ohne" kaufen will, dann kosten sie entsprechend mehr. Kurz, es herrscht nicht nur die Mode, es herrscht auch Armut in Paris.