Die programmatischen Erklärungen verantwortlicher Staatsmänner verdichten sich in letzter Zeit. Byrnes und Truman, Bevin, Attlee und ihr Oppositionsführer Churchill, Smuts und Bidault haben vor der aufmerksam lauschenden Welt das Wort ergriffen; der gewiß nicht als redefreudig bekannte Marschall Stalin stand innerhalb von fünf Wochen zweimal ausländischen Interviewern Rede und Antwort. Wie ein Orchester begleiten die Kommentare der Presse die einzelnen Stimmen und spinnen die angeschlagenen Motive weiter. Die Völker lauschen über die Grenzen hinweg nach dem Echo, das deutsche vielleicht noch gespannter und beklommener als jedes andere. Denn aus den Themen der internationalen Unterhaltung, wie Spannung und Beschwichtigung, Atomkontrolle, Vetorecht, Militär- und Finanzfragen, tritt Mitteleuropa als das brennendste Problem hervor, dessen Fragenkomplex die Politiker nun abtasten, bevor sie in die direkte Verhandlung eintreten. Der entscheidende Spruch über Deutschland rückt näher – mit der nüchternen Rechnung, was man nehmen will und was uns bleibt, was wir zu leisten und frohen haben, um begangenes Unrecht gutzumachen, und was uns ermöglicht wird, um unser eigenes Dasein mit Sinn und Lebenswerten wieder zu erfüllen.

Vor dem allerseits entworfenen Hintergrund, daß Deutschland zu einem demokratischen und friedliebenden Staat mit Lebens und Zukunftsmöglichkeiten entwickelt werden müsse, präzisieren sich die besonderen Meinungen und Forderungen. Es sind die Plattformen, von denen aus die Verhandlungen eröffnet werden. Daß nicht jeder auf der seinigen verharren kann, wenn die unerläßliche, unaufschiebbare Einigung erfolgen soll, ist einleuchtend. Rußland neigt einer vereinheitlichten; Staatsform des künftigen Deutschlands zu, die Westmächte sehen föderalistische Gedanken für vorteilhafter an. Frankreichs territoriale und materielle Forderungen haben die Bedenken der "großen Troika" gegen sich. England und Amerika erkennen die Endgültigkeit der Westausdehnung Polens nicht an, während Stalin "ja" zu dieser Grenze sagt und die Polen dieses Ja mit Unmutsäußerungen über die Infragestellung ihrer Ansprüche begleiten. Auf die russische Reparationsforderung von zehn Milliarden Dollar ist von Westen her ein entschiedenes "Nein" vernehmbar.

Einigkeit entwickelt sich bisher in der Ansicht, daß die deutsche Leistungsfähigkeit gesteigert werden müsse, im Interesse der Sieger. wie der Besiegten (nur Polen beharrt darauf, daß Deutschlands Lebenskraft zerbrochen bleiben müsse), und daß eine deutsche Zentralinstanz vonnöten sei. Auf ihre Notwendigkeit wies Englands öffentliche Meinung bereits anläßlich der Stuttgarter Rede von Byrnes hin, da ohne eine Zentralregierung kein Friedensvertrag mit Deutschland möglich wäre.

Das deutsche Volk befindet sich in der Rolle eines verstörten Patienten, der einem Konsilium von Ärzten zuhört, die allerdings sehr viel mehr zu bedenken haben als seinen individuellen Fall. Die Sanierung Europas, die sie anstreben – und daß heißt die Gefährdung von Ordnung und Sicherheit auf den geringstmöglichen Rest herabzudrücken –, wird unser eigenes Leben Stark beschneiden. Aber wie und wo, das sind die lähmenden Fragen, die Um so gefährlicher werden, je länger ihre eindeutige Beantwortung auf sich warten läßt. Der Erzbischof von York, Dr. Garbett, sagte in der Oberhausdebatte, "in Deutschland habe sich die Hoffnungslosigkeit breitgemacht, die sich bei der jungen Generation zu einer gefährlichen Art von Nihilismus gesteigert habe". Er forderte, daß man den Deutschen eine Zukunftshoffnung einflöße.

Wir leben nicht gänzlich außerhalb der Zeit, so wenig wie ein im Augenblick kahler Acker, in den jedoch Saat getan worden ist. Doch unsere Zukunft kann erst beginnen, wenn das internationale Gespräch zu einem Resultat gelangt ist so schmerzlich dieser Start auch sein mag. Die im – letzten Novemberdrittel in New York beginnenden Besprechungen der großen Vier werden uns noch nicht darüber belehren, woran wir sind. Mit jedem Tag Aufschub jedenfalls frißt sich das Elend tiefer ein in Deutschlands Mentalität und Kräfte.