Von Hermann Linden

Für Joseph Roth, den "Schriftsteller" in dieser Schilderung, einen der größten Zauberer der deutschen Sprache, dem das traurige Schicksal widerfuhr, in Paris, noch bevor er das fünfzigste Lebensjahr hätte erreichen sollen, als Emigrant sterben zu müssen.

Der Zug näherte sich der Stadt F., die ich lange Zeit nicht gesehen hatte. Das Gleis vervielfachte sich zu unzähligen Schienen, die in weitauslaufenden Kurven und wilden Linien dem gleichen Ziel zustrebten: dem Bahnhof, der grau, massig, von fallen Lichtern durchbrochen, im Dunkel eines Nachmittags stand, der fast schon Abend war. Während die Reisenden ihre Koffer aus den Netzen zogen, während Neugierige und Heimwehvolle aus den Gang- und Abteilfenstern der undeutlich, verschwommen herankommenden Stadt entgegenstarrten. dachte ich an das Hotel, dem meine ersten Schritte gelten würden, und eine seltsame Erregung bemädtigte sich meiner, genährt von vielerlei Hoffnungen, geliebte, verschollene Menschen wiederzusehen. Draußen standen die Alleebäume völlig entlaubt. So traf das Hotel mein erster Blick. Schmal einsam-dunkel wie immer, verharrte es steif und in vornehmer Gleichgültigkeit zwischen breiten Nachbarbauten. Nach wie vor tat es seine Feindschaft gegen den "Fortschritt" dadurch kund, daß jegliche Transparente fehlten. Wenn man von dem kleinen, bleich beleuchteten Portal absah, waren es lediglich ein paar erleuchtete Fenster, die die Lebendigkeit des Hauses erwiesen.

Seltsam, kein Vorhallenboy half mit flinker Hand, als ich die Tür aufdrückte, die langsam aufglitt, wie widerstrebend. Ich betrat die Halle und mußte glauben, das Opfer einer Halluzination geworden zu sein. Nirgendwo war ein Teppich. Die dichten persischen Gewebe, die sonst jedes Geräusch beflissen erstickten, waren verschwunden. Selbst der prachtvolle weinrote Läufer, über den so viele Füße treppauf behaglichen Zimmern entgegengistiegen waren, war fort. Wohin das Auge blickte, sah es leere Räume, vorhanglose Fenster, kahle Winde, die keines der erbleichten, zarten Rokokoporträts mehr schmückte. Von irgendwoher drang ein Murmeln in meine Ohren, ein dumpfes, intensives, pausenloses Murmeln, wie es aus Muscheln raunt, nur nicht so melodisch und ganz ohne Lockung. Es war ein Murmeln, das Besorgnis ins Herz wehen ließ. Ich ging ihm nach...

In der ersten Etage, ganz hinten, im Konferenzsaal, wo sonst immer viele dicke Herren mit Hornbrillenund mit ergrautem Haar materielle Schlachten an langen, grünen Tischen schlugen, saßen Leute, allerlei Leute. Sie waren in solcher Zahl, daß schon durch diese Fülle das Niveau jenes Industriellen- – Heiligtums auf die Ebene der Banalität herabgedrückt wurde. Zwei Herren standen auf einem Podium hinter einem Katheder: Der eine, ein mageres Kerlchen mit vergoldetem Kneifer auf breiter Stumpfnase, rief Zahlen, Namen, kurze informatorische Angaben. Seine Stimme eilte, ja sprang fast, sie klang grell, scharf, erzeugte ein fernes, seltsam weiches Echo. Der zweite Herr verrichtete stumm erforderliche Handreichungen, ähnlich einem Mann, der einem Klavierspieler die Noten umwendet. Nach jedem Ruf geriet das Publikum, das unfein dicht zusammenhockte, in Aktion; es rief, schrie, pfiff, lachte, lärmte. Unbeweglich blieb ich in der Tür stehen; es war auch kein Stuhl mehr da, auf den ich mich hätte setzen können. Die Leute saßen auf den letzten Stühlen des Hctels. Wenn sie aufstanden, nahmen sie ihre Stühle wohl gleich mit fort. Das Hotel, durch das zwei Jahrhunderte gegangen waren, das Hotel, in dem Schopenhauer sich kleine weinumglänzte Abstecher vom Pessimismus geleistet hatte, dieses alte Haus, stets erfüllt von geistig duftender Kultur, dieses Haus oder wenigstens sein Mobiliar wurde versteigert!

Welch ein Anblick! Aufgetürmte Stühle, Schränkchen, kleine Tische! Und einer der Tische erinnerte mich plötzlich daran, warum ich hierhergekommen war. Ich erkannte ihn sofort. Es war einer der kleiner Vestibültische, rund, mit Messingplatte, auf der kämpfende Ritter eingraviert waren:

Vor diesem Tisch hatte er immer gesessen, der Schriftsteller J. R., mein großer Freund mit der kleinen Statur, den frauenhaften Händen, dem ironischen Mund, dem schmalen, edlen Kopf, in dem zwei Augen unergründlich leuchteten, stets wechselnd im Ausdruck, oft boshaft glitzernd, dann wieder dunkel, müde, voll schmerzlicher Güte. Er war ein Mensch, der die Unruhe brauchte, die Wanderschaft, das Nomadentum. Alter Trieb des Blutes jagte ihn von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, von Hotel zu Hotel, und dort dann vom Zimmer ins Vestibül. Er rannte immer im Kreise, und die immer steigende Größe des Kreises machte ihm diesen Weg wohl wenig bewußt. Er schrieb fast immerzu, in der Einsamkeit oder in Gesellschaft, in der Stille oder im Lärm, das eine war so gut für ihn wie das andere; nur auf den Wechsel kam es ihm an.