Unter den vielen Aufführungen der Kölner Kulturtage, die auf der Schauspielbühne den "Woyzeck" von Büchner, auf der Opernbühne "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauß, im Konzertsaal Hindemiths "Nibilissima Visione" und das "Tedeum" von Walter Braunfels unter Günter Wands Leitung erstehen ließen, war die deutsche Erstaufführung von Claudel "Der seidene Schuh" ein besonderes Ereignis.

Das geistig-dichterische Antlitz des zeitgenössischen Frankreich offenbart sich wie das politische sehr gegensätzlich. In Paul Claudel ist es am konstantesten und weltanschaulich sichersten geprägt, in dieser hervorragenden Dichterpersönlichkeit, die in der Verbindung von diplomatischem Wirken vieler Jahre in Kanada und China und dichterischer Arbeitsstille eine der fesselndsten Erscheinungen des europäischen Geisteslebens ist. Claudel ist heute 68 Jahre alt, sein Land ehrte ihn unlängst durch die Aufnahme in die Schar der 40 Unsterblichen der "Académie française". In Deutschland ist er durch mustergültige Übersetzungen des Verlags Hegner und auf dem Theater vor allem durch sein dramatisches Mysterium "Verkündigung" – wenn auch leider nur in kleinem Kreis – bekannt geworden. Dieser Dichter repräsentiert, etwa neben Bernanos, Francis James und einigen andern, das Katholische und damit eine wesentliche Geisteshaltung in der zeitgenössischen Dichtung seines Landes in einer Weise, die in der selbstbehauptenden Kraft und in der Konsequenz seines Schaffens kaum anderwo Anzutreffen ist und in einer entseelten, entgotteten Welt die polare Gegensätzlichkeit in der positiven Beharrung ausdrückt. Dabei geht Claudel der realistischen Darstellung keineswegs aus dem Wege; das zeigten schon seine früheren Dramen, und auch sein letztes größtes Werk "Der seidene Schuh" umspannt mit der Weltoffenheit seines Autors und mit dem großen Bogen seines Themas der irdischen und himmlischen Liebe die Bezirke des Daseins auf vielen Schauplätzen der wirklichen in betrachtenden und besinnlichen Bildern großen politischen Auftritten und keck hingesetzten Alltagsszenen.

Im Urgrund dieser Dichtung spürt man das alte französische Liebesmotiv von Tristan und Isot. Claudel überträgt es in die pathetisch-schmerzliche und läuternde Liebesbeziehung zweier Menschen zur Zeit der spanischen Konquistadoren nach der Entdeckung Amerikas. Diese beiden Menschen, Don Rodriguo und Donna Proeza, sind in der Don des handelnden und kontrapunktierenden Figurenwerks die Hauptpersonen. Ihre Liebe wird zu großen Höhen des Menschentums und erfüllten Daseins emporgetragen, aber den der Tod der Geliebten macht für Rodriguo den Weg frei, Ernach einem Leben der großen Welt in die Erkenntnis Gottes mündet. Die in das ewige Reich eingegangene Proeza, die einmal ihren seidenen Schuh der Muttergottes weihte, damit, "wenn sie sich dem Bösen entgegenstürze, es mit einem hinkenden Fuß geschehe", führt als "Angelhaken Gottes" den Enttäuschten und Gealterten der Klosterpforte und damit dem ewigen Reich zu. Anders als Ibsen mit Peer Gynt, der am Ende seiner Tage wieder zur Geliebten findet, läßt der französische Dichter allen Sinn des Lebens in Gott beschlossen sein. Aber auch hier geht der Weg-Aber Höhen und Tiefen und nicht ohne Schuldverstrickung. Denn Donna Proeza ist einem alten Mann, einem spanischen Richter, angetraut, der sie, um ihre Liebe zu Rodriguo wissend, mit einer bestimmten Aufgabe auf eine afrikanische Festung schickt. Hier ringt der Kommandant Don Camillo am ihre Liebe, und während nun Rodriguo vom König mit einer zehn Jahre einspannenden Arbeit In der Neuen Welt betraut ist, erzwingt Camillo die Ehe mit Proeza. Das aus dieser Gemeinschaft stammende Kind trägt die Züge des Geliebten Rodriguo, mit dem sich Proeza nun auf eine geistig-mystische Weise verbunden fühlt. In einem heiteren mit ihrem Schutzengel findet sie zu jener heiteren Überlegenheit, wie sie nur in der Überwindung des irdischen Lebens Bestand hat und wie als den Dichtungen der alten Spanier und Franzosen als Grundthema echt katholischer Geisteshaltung geläufig ist.

Denn mit jener alten Überlieferung des künstlerisch geprägten universalen Gottesreiches im Mittelalter ist Claudels Dichtung eng verbunden. So wie sie einer auch nur annähernden Deutung Ihres Inhalts und Wertes sich zu widersetzen scheint, so auch einer gültigen Bühnendarstellung Insgesamt. Umfaßt doch das (1939 in deutscher Sprache erschienene, einige Jahre später in Paris zur Erstaufführung gebrachte) Werk nicht weniger als 500 Seiten: ein Stoff für vier Theaterabende, Eine umfassende Kürzung mußte daher schon verantwortet werden, wenn das Werk auf der heutigen Bühne überhaupt erscheinen sollte. Dr. Karl Pempelfort hat dies für die deutsche Erstaufführung in der Aula der Kölner Universität unternommen, und es ist klar, daß dabei auch im behutsamsten Verfahren viele für die Dichtung wichtigen Teile geopfert werden mußten. So ist denn mehr als die Hälfte dieses modernen Mysteriums gestrichen worden, so daß die vermittelte Fassung fast nur auf die notwendig etwas flächig wirkende Handlung Rodriguo–Proeza konzentriert blieb. Für den Ablauf der noch verbliebenen mehr als zwei Dutzend Szenen hatte Erich Metzold ein die Möglichkeiten der Notbühne klug nutzendes, durch Requisiten andeutendes und durch einen Vorhang teilbares, zwischen stilisiertem und realistischem Ausdruck gehaltenes Bühnenbild entworfen, das der immerhin noch über fünf Stunden währenden Aufführung die Voraussetzungen für eine reibungslose Szenenfolge bot. In der Hauptdominante der nicht leicht zu verdeutlichenden Liebesbeziehung zwischen den beiden Hauptpersonen Helena Klostermann und Werner Hessenland gab es eine Reihe großer künstlerischer Momente. (Die dem Wesen der Sprache Claudels gemäße schöne deutsche Übersetzung hat Hans Urs von Balthasar zum Verfester.) Als Darsteller der recht komplizierten Gestalt des Don Camillo verdient Otto Collin nachdrücklich genannt zu werden. – Der bedeutsame Anlaß einer wertvollen Auseinandersetzung mit dem französischen Geist von heute, über den sich eingangs der französische Kulturattaches Lusset in einer Claudels Werk würdigenden Einführung geäußert hatte, war getragen von der Kölner Gesellschaft für christliche Kultur.

Hans Georg Fellmann