Von Karl N. Nicolaus

Wenn man es in den großen Zusammenhängen übersieht, wenn man die Trümmer betrachtet und alles, könnte man meinen, wir seien mitten ineingeraten in eine Epoche der Ausrottung der großen Städte. Immer waren die großen Städte für uns wie ein riesiger Magnet gewesen, der mit zahlenden Lichtreklamen den Schein seines Ruhms in den nächtlichen Himmel malte, der die denschen ansog. Dann löschte der Krieg die Lichteklamen aus, der "Luftkrieg" bedrohte die großen tädte, und sie spien die Millionen Menschen, die Die angesogen hatten, wieder aus. Dies geschah in diesem Außmaß zum ersten Male seit Babel zerstört wurde. Die Türme stürzten ein, die Häuser schwankten, und es schien die biblische Verheißung es Dichters wahr zu werden: "Von diesen Städten wird bleiben, der durch sie hindurchging, der Wind..."

Jetzt geht der Wind durch die Städte, durch die Trümmer und Ruinen. Die Herbststürme rütteln in den stehengebliebenen Mauern und reißen sie ein und die stürzenden Brocken erschlagen auch weiterhin friedlich wandelnde Menschen, friedlich wandelnd, soweit die bisher friedlos Gebliebenen in tiefster Seele friedlich sein können. Nichts als Gefahr und Elend droht in den großen Städten, und dennoch sind auch die Trümmerhaufen derselbe Magnet, wie es vorher die strahlenden Metropolen mit den prächtigen Lichtreklamen waren.

Einmal ist es, daß die großen Städte Mir die, die in ihnen lebten, eben doch die Heimat waren und geblieben sind. Aber das ist es nicht allein. Neulich sagte ein Mann: Und wenn diese großen Städte noch mehr zerstört worden wären, deshalb bleiben sie doch Mittelpunkt des Geistes, die Gehirne der Provinzen und Distrikte, die Zentrale an sich; sie haben ihr eigenes Leben in sich und aus sich heraus. Und diesen Geist kann man nicht aussiedeln und nicht zerstören.

Und ein anderer Mann erhielt den Auftrag, in einer schönen, ruhigen, kleinen, fast unzerstörten, ehemaligen "Residenz" eine Musikhochschule aufzubauen. Die Hochschule und die Lehrer sollten mit allen Privilegien ausgestattet werden, die heutzutage denkbar sind. Er fuhr los, um Künstlern mit Namen in den großen Städten entsprechende Angebote zu machen. Er meinte, sie würden herbeiströmen aus den Hauptstädten seiner Zone in das friedliche Landstadtidyll ohne Verkehrs- und ohne wesentliche Nahrungssorgen. Aber nichts dergleichen geschah. Er war sehr enttäuscht: die meisten lehnten ab.

Ist es Sicherheit des Geistes oder ist es innere Ratlosigkeit, die sie zwingt, bei dem großen Haufen zu bleiben?

Thomas Wolfe, der amerikanische Dichter, der "Schau heimwärts, Engel" schrieb und den grandiosen Roman "Of time a.nd river", – welch europäischer Schriftsteller hätte es gewagt, einem mehrbändigen Romanwerk den lapidaren Titel "Von Zeit und Strom" zu geben, und das in Amerika, wo doch angeblich die Reklame das A und O des Lebens ist also Thomas Wolfe sagte: "Er glaubte nicht an die Stadt, aber er wußte auch nicht, woran er hätte glauben sollen, es sei denn an die Stadt..." Ist es diese Erkenntnis, die den heutigen, geistigen Menschen in die großen Städte zurückscheucht? Ist es innere Ratlosigkeit? Ist das Ganze die Flucht in eine äußere Unrast, das Hetzen von einer Zapfstelle des Geistes zur andern – vom Theater zum Diskussionsabend, von der Bibliothek zur Kunstausstellung und umgekehrt?