Es löst eigentümliche Gefühle und Erinnerungen aus, wenn man heute einmal wieder die auf Schreibmaschinenpapier vervielfältigt gewesenen Predigten und Hirtenbriefe des verewigten Bischoffs von Münster August Clemens Graf von Galen zur Hand nimmt, die – wie lange scheint es doch schon her zu sein! – neben den Rundfunkbotschaften Thomas Manns, neben Wiecherts leidenschaftlichen Aufbegehrungen oder den Zeitkritiken und Verwarnungen der Theologen Barth, Wurm, Dibelius und neben den Zeitglossen und wenig kaschierten Aufsätzen der "Deutschen Rundschau" und ihres heroischen Herausgebers in den dunklen Jahren des wachsenden geistigen Terrors für so viele Deutsche ein Balsam auf die geschundene Vernunft und das zertretene Gewissen gewesen sind. Nur wenige werden es gewagt haben, diese Dokumente eines patriotischen Widerstandsgeistes – und ein solcher lebte in ihnen, keine prinzipienlose "Sabotage" – im eigenen Hause aufzubewahren. Ihr spezieller Inhalt ist uns meistens aus dem Gedächtnis entschwunden, die zufälligen Anlässe sind verklungen, als Tat und Wagnis sind sie oder doch ihre menschlichen Träger aber lebendig geblieben. Es besteht hier bisweilen sogar ein reziprokes Verhältnis zwischen der literarischen und der menschlichen "Ewigkeitsbedeutung" (man verzeihe das große Wort) dieser Dokumente. Unter allen diesen Dokumenten sind nämlich die "Botschaften" Thomas Manns sicherlich am meisten "Literatur" im guten wie im fragwürdigen Sinne. Sie hatten es leicht, aus der großen Distanz zum wirklichen Schicksal heraus offen, schonungslos und zugleich gepflegt zu sein. Auch der Schweizer Theologe Karl Barth konnte verhältnismäßig deckungslos und direkt sprechen. Die innerdeutschen Dokumente dagegen können uns heute schon beinah zag, zwielichtig, vage und leise erscheinen, wenn wir vergessen haben, wie sehr doch gerade bei ihnen jedes Wort, jede Nuance, jeder Akzent der Kritik bereits einen Schritt ins tragische Schicksal bedeuten konnte.

Mit solchen erinnernden Kommentaren muß man die Schriften lesen, die unter dem gemeinsamen Titel "Das christliche Deutschland 1933 bis 1945" von einer Arbeitsgemeinschaft katholischer und evangelischer Christen im Herder-Verlag beziehungsweise im Fusche-Verlag ‚ herausgegeben würden. Da sind unter dem Titel "Bischof Graf Galen spricht" die Hirtenbriefe, Predigten und auch allerlei weniger bekannte Eingaben und Schreiben des kämpferischen Bischofs von Münster vereinigt; man findet aber auch Dokumente aus der Welt seiner Gegenspieler im Propagandaministerium und in derGauleitung, die erst die rechte Schattierung für das Wagnis dieser Reden geben, indem in ihnen unermüdlich die Petition an den Führer wiederholt wird, ein Exempel zu statuieren und den "Bischof zu hängen". Die Schriftenreihe enthält ferner einen Band "Zeugnis, und Kampf des Deutschen Episkopats", in dem gemeinsame Hirtenbriefe und Denkschriften der deutschen Bischöfe von 1935 bis in die letzte Kriegszeit wiedergegeben sind. Auch diese sind Dokumente eines Widerstandsgeistes.

Auch der Berliner Kardinal Konrad Graf Preysing hat, seine "Dokumente aus dem Kampf der katholischen Kirche im Bistum Berlin gegen den Nationalsozialismus" gesammelt herausgeben lassen (Morus-Verlag, Berlin), aus denen man es nachträglich besser versteht, weswegen gerade dieser Kirchenfürst mit Galen zusammen durch die Kardinalswürde geehrt wurde. Er war eine Art Informationschef der katholischen Kirche in Deutschland und hatte oft die Aufgabe; sich mit der antikirchlichen und antichristlichen Regierungspropaganda auseinanderzusetzen. Auch hier ist der spezielle Gehalt der Dokumente vielfach in seiner Bedeutung verklungen. Wer mag sich zum Beispiel heute noch der aufgebauschten Propaganda erinnern, die mit Sittlichkeits- und Devisenvergehen von Ordensmitgliedern betrieben wurde? Wer erinnert sich aber auch noch des Falles des Bischofs Johann Baptista von Rottenburg, der aus seiner Diözese mit Gewalt entfernt wurde, weil er sich nicht an der Wahl 1938 beteiligte, in der über den Anschluß Österreichs votiert und zugleich der damalige Reichstag bejaht werden sollte? Der Bischof, der wie, die meisten Deutschen ein Bejaher des Anschlusses war, sah sich doch außerstande, zugleich sein Jawort einem erklärt kirchenfeindlichen Reichstag zu geben, und wählte daher, um nicht bei der Stimmabgabe zum Nein von seinem Gewissen gezwungen zu werden, die Enthaltung. Welch ein edler, geradezu novellistischer Konflikt,, wie dramatisch die Folgen, wie pöbelhaft, die Gegner! So lebt eine Fülle von Menschenschicksalen in diesen Dokumenten für den wieder auf, der sie zu lesen versteht.

Der deutsche Kirchenkampf ist vorher beendet, die Widersacher sind vernichtet, die Welt ist aber keineswegs dazu angetan, den Geist einschläfern zu lassen, aus dem diese Zeugnisse christlicher Bekennerschaft geboren wurden. So bleiben sie uns nahe und stärkend, auch wenn uns ihr Inhalt bisweilen wie ferne Geschichte anmutet.

Joachim Günther

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Soeben erschien auch im Verlag Aschendorff in Münster eine Darstellung des mannhaften Kampfes, den der deutsche Bischof Graf Galen für die Sache des Glaubens und des Rechts unter der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft führte. Das Buch hat zum Verfasser den früheren Sekretär des verewigten Kardinals, Dr. Heinrich Portmann, und gewinnt seinen besonderen Wert durch einen umfangreichen Dokumentenanhang, der teilweise bisher ungedrucktes Material bringt.