Als der portugiesische Ministerpräsident und Außenminister Dr. Oliveira Salazar nach Abschluß des Krieges öffentlich feststellte, daß dies der letzte europäische Konflikt gewesen sei, in dem Portugal neutral bleiben konnte, kannten die wenigsten die wirkliche Geschichte der portugiesischen Neutralität in der entscheidenden Kriegsphase und im Rahmen der englischen Allianz. Die wenigen Briefe nun, die aus Anlaß der Rückkehr der Azoren unter die ausschließliche Souveränität Portugals im Juni in einem Weißbuch veröffentliebt wurden – sie waren seit dem Sommer 1943 zwischen der portugiesischen Regierung einerseits und der britischen, später auch der amerikanischen Botschaft anderseits gewechselt worden –, liefern ein lehrreiches Beispiel dafür, wie sich für ein exponiertes neutrales Land die Fäden des weitweiten Konfliktes schließlich verknüpften, aber von staatsmännischer Hand unverwirrt zum Besten der nationalen Interessen eingewoben werden konnten.

Das Lissaboner Weißbuch unterscheidet zwischen den Abmachungen über die Abwehr im Atlantik und im Pazifik, wozu gleichzeitig die Befreiung des von den Japanern besetzten Portugiesisch-Timors gehörte. Aber schon in der ersten Anfrage von Sir Ronald H. Campbell vom 16. Juni 1943 wird der Bogen geschlagen von den alliierten Bedürfnissen einer Anti-U-Boot-Basis auf den Azoren bis zur ausdrücklichen Bestätigung der britischen "Garantie für die Aufrechterhaltung der portugiesischen Souveränität in allen portugiesischen Kolonien". Südafrikanische Union gab ebenfalls erstmalig eine solche Garantie ab. Der von Dr. Salazar sofort ausgesprochene Wunsch nicht nur nach einer entsprechenden amerikanischen, sondern nach einer besonders auf Timor bezogenen australischen Versicherung wurde erfüllt, noch ehe im Herbst 1943 die ersten alliiertem See- und Lufteinheiten die im englisch – portugiesischen Azorenabkommen vom 17. August jenes Jahres gewähren "Erleichterungen" in Anspruch nahmen. Mehr als ein Jahr später, am 28. November 1944, als der europäische Endkampf nur noch ein allerdings gigantisches Nachschubproblem im Rahmen des Gesamtkrieges war, wurde ein zweites Azorenabkommen zwischen Portugal und den Vereinigten Staaten abgeschlossen, das wahrhaft weltumspannenden Charakter trug. Unter Vorbehalt einer direkten Beteiligung portugiesischer Truppen bei dem nachher nicht eingetretenen Fall eines Kampfes um Timor wurde nämlich als "indirekter Beitrag" zum Krieg gegen Japan die Konzession für "Bau, Benutzung und Kontrolle" einer Luftbasis auf der Azoreninsel Santa Maria erteilt, "um die Verlegung amerikanischer Streitkräfte nach dem pazifischen. Kriegsschauplatz oder von dort nach den Vereinigten Staaten zu erleichtern".

Am Tag der Veröffentlichung des Weißbuches ging die auf Santa Maria von den Amerikanern erstellte und am 2. Juni zugleich mit dem von den Engländern benutzten Jäger- und Bomberfeld Lajens auf der Insel Terceira von den portugiesischen Militärbehörden übernommene "Riesendrehscheibe der Luft" in die Verwaltung des Sekretariats für Zivilluftfahrt; über. Die um dieselbe Zeit erfolgte plötzliche Ausschaltung der Konstellation aus dem transatlantischen, Flugverkehr verzögert zwar die volle Ausnutzung von Santa Maria für zivile Zwecke im Augenblick noch. Aber die in der Zeitschrift "Lisbon-Courier" erstmalig veröffentlichten Bilder des einzigen Großflughafens im Atlantik mit einer Hauptlandebahn von 2439 Meter Länge bei 61 Meter Breite und einer Abstellplattform für 100 Transporter bestätigen; daß hier ein langjähriger Traum aller Atlantikflieger Erfüllung fand. Übrigens haben die "im Dienst der Besatzungsstreitkräfte in Deutschland und in Japan stehenden amerikanischen und englischen Flugzeuge noch für anderthalb Jahre Transitrecht auf den Azoren, zunächst in Santa Maria und später auf dem auszubauenden Militärflugplatz Lajens,

Verkehrstechnisch und strategisch liegt Portugal an der atlantischen Südstraße, die Amerika mit dem Mittelmeer und dem Nahen Osten verbindet und die durch die Selbstisolierung Sowjetrußlands verdoppelte Bedeutung gegenüber den Nordrouten bekam. Der Abbau des britischen Systems der Navicerts, das eine empfindliche Kriegshemmung in der lebenswichtigen und für den Handel bedeutenden Zufuhr Portugals aus seinen Kolonien darstellte, wurde in Lissabon lange gefordert und schließlich lebhaft begrüßt. Vor allem aber werden Anregungen, wie die kürzlich aus Norwegen an die UN ergangene, Portugiesisch-Angola in Südwestafrika als Weltjudenstaat anzukaufen, rundweg abgelehnt. Auch der Gouverneur von Portugiesisch-Goa in Vorderindien sah sich veranlaßt, in scharfen Worten an Gandhi der Auffassung entgegenzutreten, als ob diese vielhundertjährige kleine Kolonie mit ihrer ruhmreichen Entdeckertradition zum Abbau reif wäre. M. CI.