Berlins Industrie arbeitet wieder, soweit es Zustand oder Wiederherstellungsfähigkeit der Anlagen und Rohstoffknappheit nur irgendwie zulassen. Nach der ersten Phase improvisierender und oft zufallsabhängiger Erzeugung nähert man sich auch wieder einer planmäßigen, auf die Dauerbedürfnisse unserer Friedenswirtschaft abgestimmten Produktion. Wie Berlins Industrie im privatwirtschaftlichen Sinne arbeitet, wie also ihre Bilanzen aussehen, darüber fehlt der Öffentlichkeit allerdings noch jeder Aufschluß. Bisher hat erst ein Großunternehmen ein Rechnungswerk vorgelegt, das zahlenmäßig Auskunft über Kriegsverluste und die Startbedingungen für die unternehmerische Friedenswirtschaft gibt. Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und dies dürfte hier um so mehr gelten, als es sich um die Berliner Kraft- und Licht-AG (BEWAG) handelt, also um ein Unternehmen mit einwandfreier kommunaler Mehrheit, das daher auch nicht, wie so viele andere, von Konzernzertrümmerung, Entnazifizierung (mit den Folgeerscheinungen der Kommunalisierung oder öffentlichen Treuhänderschaft) und von sonstigen "Besitzfragen" betroffen ist.

Nach dem Stand vom 30. Juni 1945 ist die BEWAG mit nur 46 v. H. der vorherigen einsatzfähigen Leistung aus dem Krieg herausgekommen und mit einer Verminderung der Hausanschlüsse und Übergabestationen: auf rund 158 000 gegen 173 000; auf insgesamt etwa 180 Mill. RM werden nach dem Wiederbeschaffungswert die Kriegssachschäden beziffert. Hiervon wurden durch das Kriegsschädenamt bereits 55,7 Mill. RM abgefunden, so daß mithin etwa 125 Mill. RM vorläufig ungedeckt verbleiben. Das wäre vielleicht nicht allzuviel im Vergleich zu Kapital und Reserven, aber es ist auch nicht alles, was das Unternehmen eingebüßt hat oder was als Folge des Zusammenbruchs noch an Verlusten aus formal unzerstörten Substanzteilen zu erwarten ist Vier große Konten der Bilanz sind mit "besonderem Risiko" behaftet: Wertpapiere 110,1, flüssige Mittel 71,3 (davon Bankguthaben 55,8), Warenforderungen 35,4 und sonstige Forderungen 148 Mill. RM, unter letzteren 122,9 Millionen RM für noch nicht abgefundene Kriegsschäden. Bedenkt man die in Berlin wie in der russischen Zone geltende Sperrung der alten Bankguthaben und die hier vertretene Auffassung über den Wert (genauer Unwert) von Reichspapieren und andern Effekten, so wird man das "Risiko" wohl recht hoch ansetzen müssen. Aber selbst wenn man die Gesamtsumme der genannten Konten von 364,8 Mill. RM als Verlust annehmen müßte, könnte die BEWAG ihn in der Bilanz ohne weiteres "verdauen", denn neben gesetzlicher und freier Rücklage von 40 Mill. RM verfügt sie noch über sonstige Rücklagen und Rückstellungen von insgesamt 463,7 Mill. RM (darunter eine ausgesprochen zum Ausgleich der erwähnten Kriegssachschäden bestimmte Rücklage für Ersatzbeschaffungen und Instandsetzungen von 110,5 Mill. RM). Daß diese gegenüber dem 30. Juni 1944, zu welchem Termin sie 25,6 Mill. RM erreichte, sichtlich auch zu Lasten der um fast 50 Mill. RM niedriger angesetzten Wertberichtigungen stark erhöht wurde, dürfte wohl damit zusammenhängen, daß bei der Schadensberechnung, wie erwähnt, Wiederbeschaffungswerte angesetzt wurden. Jedenfalls würde selbst bei der zweifellos zu ungünstigen Voraussetzung einer Totaleinbuße der auf den vier "Risikokonten" gebuchten Aktiven immer noch ein Überschuß der Reserven von 138,9 Mill. RM verbleiben.

Die BEWAG wird nun freilich auch besondere Rücklagenstärke brauchen, denn die Wiederaufbauerfordernisse sind natürlich groß, und im Zeichen eines erheblichen Absatzrückganges bei gesteigerten Kosten ist gegenwärtig ein rentables Arbeiten nicht möglich Daher wird für 1945/46 von der Verwaltung ein größerer Verlust (aus dem laufenden Geschäft) angekündigt. Dennoch ist die Lage nicht so, daß infolge dieser derzeitigen Schwierigkeiten und der Substanzeinbußen eine privatwirtschaftliche Geschäftsführung ohne weiteres einen Anlaß zu Tariferhöhungen sehen müßte. Das ist in der Berliner Presse behauptet worden, um dem Magistrat in seinen Auseinandersetzungen mit den noch vorhandenen privaten (größtenteils ausländischen) Aktienbesitzern über die Aufsichtsratsbesetzung den Rücken zu stärken. (Es wurde dabei eine Verhandlungsfrist bis zum 30. September vereinbart, um in dieser Zeit eine Einigung zu versuchen.) Auch nicht in öffentlicher Hand befindliche Unternehmen werden heute große Verluste zu Lasten ihrer Kapital- und Reservesubstanz auf sich nehmen müssen Ob sehr viele noch über solche "Fettpolster" verfügen wie die BEWAG, das allerdings ist eine Frage, die keiner verallgemeinernden Antwort fähig ist. Sie erledigt sich im übrigen für die russische Zone und auch großenteils für Berlin vielfach wohl dadurch, daß bei Enteignungen und sonstigen Besitzveränderungen die Bilanzkontinuität aufgehoben wird und die Betriebe sich praktisch als Neugründungen darstellen; in diesen Fällen gibt es bilanzwirtschaftlich keine die Gegenwart belastende Vergangenheit. Die Probleme, die her vorliegen und für die industrielle Kalkulation und Bilanzierung noch entstehen, sind fast in jeder, im besonderen in rechtlicher Beziehung vorläufig durchaus offen. C. Segur