In Hamburg, in der Galerie Bock, wird eine Ausstellung von Meisterwerken mittelalterlicher Kunst gezeigt, in Hamburg, das Percy Schramm noch das "Tor zur Welt" nennen konnte. Mittelpunkt dieser Ausstellung sind die Meisterwerke der reifen Gotik, die Hamburgs Tradition in der Geschichte der Kunst begründen. Die Weltoffenheit dieser Stadt bezeugt sich bereits in den Werken ihrer "Alten Meister". Weltoffenheit – das hieß in den reifen Zeiten des Mittelalters, im "15. Jahrhundert, Anteil haben an der künstlerischen Kultur Frankreichs und der Niederlande. Kunstimport – als Leistung zur Kultur – betraf das miniaturengeschmückte Buch Burgunds, französische Elfenbeine und Bildteppiche und, als das Jahrhundert zu Ende ging, die kostbaren Tafeln aus den Ateliers flandrischer Maler. In dieser Richtung des Imports drückt sich zugleich die Richtung des Geschmacks und die Kultur des Geistes aus. – Die Werke der drei Meister, die im Sinne der geschichtlichen Tradition der Ausstellung ihre besondere Bedeutung für Hamburg geben, leben jedes aus einer weitgespannten "Umwelt", die über die Grenzen des norddeutschen Raumes künstlerisch wie historisch weit hinausgeht. In der naiven, breiten Pracht des Altarwerkes, das Meister Bertram 1379 für die Petrikirche schuf, mag noch am ehesten die schwere Form norddeutscher Malerei den weiten Kunstraum, der dieser Malerei ihre Voraussetzungen erst gab, lokal verschleiern. Ganz ins Europäische und Internationale aber führt Meister Franckes Englandfahreraltar, der ehemals im Chor der Johanniskirche stand. Einbezogen schon von den Auftraggebern her – den englandfahrenden Kaufleuten – in den ganzen Umkreis weltweiter Kulturbeziehungen des reifen Mittelalters, hat in ihm der europäische Geist eines großen Meisters die feine, edelgezüchtete Welt der burgundischen Kultur in eine neue, fast einmalige Größe transponiert. Das ist materiell wie geistig zu verstehen, denn in Meister Franckes Malerei wird die zierliche burgundische Miniatur in die Welt der "großen" Kunst gehoben, wird auf Hamburger Boden jener außerordentliche Beitrag zum Stil der internationalen Gotik geleistet, der den Ruhm des Meisters im Gesamtbild der europäischen Malerei ausmacht. – Die Überraschung dieser Ausstellung ist das große Altarwerk von 1485 des Hamburger Malers Henrik Funhoff aus der Johanniskirche in Lüneburg. Funhoffs Malerei ist gänzlich schon dem großen Anspruch der niederländischen Malerei, der die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts kennzeichnet, verfallen. Sein herber, großformatiger Realismus, gesehen und begriffen im Atelier des Dirk Bouts, bezeugt jenen neuen, harten Blick für die bitteren Dinge der Wirklichkeit, der die allgemeine Voraussetzung für Reformation und Humanismus der nordischen Länder werden sollte. Weltoffen waren diese Maler der hamburgischen Tradition! – Die Ausstellung, die mittelalterliches Kunstgewerbe, gotische Skulpturen, Graphik und Zeichnungen der frühen Gotik, darunter Dürers frühes "Liebespaar", um die Hamburger Alten Meister frei gruppiert, wurde aus den Beständen der Kunsthalle und des Kunstgewerbemuseums zusammengestellt. In der allgemeinen Bemühung der Museumsleiter heute, die Meisterwerke der öffentlichen Sammlungen der Nation wieder zugänglich zu machen, kann diese Ausstellung in ihrer lebendigen Freiheit wie in ihrem Zusammenhang mit der lokalen künstlerischen Tradition, als beispielhaft gelten. Werner Haftmann