In der vorletzten Woche hat an allen Börsen eine ausgesprochene Hausse eingesetzt, die sich in starker Umsatzbelebung (Hamburg meldete. den bisher höchsten Wochenumsatz seit der Wiedereröffnung: 9,3 Mill. RM), in Kursanstiegen bis zu 35 v. H. und zahlreichen Geldnotierungen äußerte. Diese Entwicklung wurde auch in der letzten Woche nur vor dem Feiertag am 31. Oktober kurz unterbrochen. Ursache der starken Nachfrage sind in erster Linie erneute Gerüchte über bevorstehende einschneidende Währungsmaßnahmen. Auch mehrere offizielle Dementis der zur Zeit kursierenden Gerüchte dämmten die Hausse nicht ein.

Eine Berliner Zeitung bezeichnet die starke Nachfrage an den Börsen als die "sattsam bekannte Flucht aus der Mark in die Aktie". Wenn sich gerade die Aktien einiger Werke, die für die Demontage bestimmt sind, einer besonderen Gunst der Spekulation erfreuen, so scheint dafür der Gedanke einer bevorzugten Entschädigungsleistung maßgebend zu sein. Infolgedessen hat auch die Rede des britischen Außenministers Bevin mit ihrer Ankündigung weiterer Sozialisierung in der Schwerindustrie und in der chemischen und Maschinenindustrie die Hausse eher unterstützt als aufgehalten.

Einige Kurse bestätigen die besondere Beliebtheit der "Sozialisietungswerte". Die Gutehoffnungshütte beispielsweise erscheint erneut in einer Liste stillgelegter oder zur Demontage vorgesehener Werke Nordrhein-Westfalens. Trotzdem steht der Kurs weiterhin an der Spitze aller Aktien und stieg in Hamburg um weitere Punkte auf 324.

Steil aufwärts gerichtet ist auch die Kurskurva der Stahlvereinsaktie. Vor 14 Tagen noch pendelte der Kurs um 99, erreichte dann in der vorigen Woche 127, um in dieser Woche in Hamburg auf 149 zu steigen. Der Frankfurter Kurs des gleichen Papiers bleibt mit 140 um einige Punkte hinter der Hamburger Notierung zurück. Die Sonderhausse dieses Papiers erfolgt in einem Augenblick, als die Vereinigten Stahlwerke weitere große Beteiligungen abstoßen. Auch die Kursentwicklung der Hoeschaktie beweist, daß die Demontage die Börsenbeliebtheit eher begünstigt als hemmt. Das Hüttenwerk Dortmund der Hoesch-AG wird zum Ende dieses Jahres stillgelegt werden. Die Betriebsschließung erfolgt – wie jetzt bekanntgegeben wird nur aus Kohlenmangel und hat mit einer Demontage vorläufig nichts zu tun. Diese Meldung scheint fast eine Enttäuschung ausgelöst zu haben, denn Hoeschaktien nahmen an der allgemeinen Hausse kaum teil.

IG-Farben-Aktien, die in der amerikanischen und britischen Zone seit Monaten nicht mehr gehandelt werden, verschwanden jetzt auch vom letzten Wertpapiermarkt, nämlich aus dem Freiburger Sprechsaal, der in der französischen Zone eine Börse ersetzt. Ehe das frühere Standardpapier der deutschen Börse endgültig aus dem offiziellen. Geschäft schied, notierte es 83.

Der einzige Teilmarkt, der im Vergleich zur Vorwoche Kursrückgänge aufweist, ist der Bankenmarkt. Während Deutsche und Dresdner Bank in Hamburg nach 102 in der Vorwoche noch den Parikurs halten, fielen sie in Süddeutschland bereits wieder auf 98 zurück. Reichsbankanteile notieren nach 118 in der Vorwoche überall 117.

Im übrigen bestehen kaum noch wesentliche Unterschiede zwischen den Hamburger und Frankfurter Notierungen. –ck.