Ländlicher Wohnungsbau als volkswirtschaftliche Aufgabe: dieses Problem hat in der Vergangenheit kaum bestanden. Wohl gab es auf dem Lande, vorzüglich in großagrarischen Gegenden, bisweilen Wohnungsprobleme, jedoch waren sie lediglich sozial bedeutungsvoll und nur sekundär durch die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung bedingt. Diese hatte vielmehr den gewaltigen Bevölkerungszuwachs des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts ausschließlich in die Städte, vornehmlich in die Großstädte, verbracht, so daß der ländliche Wohnungsbau bei schließlich sogar sinkenden Bevölkerungszahlen in den Dörfern sich auf Ersatzbau und gelegentlichen Erweiterungsbau beschränken konnte.

Während sich die industrielle Güterproduktion von 1805 bis 1938 etwa verfünfzigfachte und damit auch die Bauprobleme für die industriellen Produktionsstätten diskutiert werden mußten, entsprach der Baubedarf in der Landwirtschaft noch nicht einmal ihrer Produktionssteigerung um das Zwei- bis Dreifache. So blieb dieser Aufgabenkomplex am Rande der wirtschaftspolitischen Diskussion.

Heute ist die bis dahin kontinuierliche bevölkerungspolitische Entwicklung der Stadt-Land-Beziehung abgebrochen. Der statistische Seismograph verzeichnet als Folge des kriegerischen Erdbebens und seiner Nachbeben einen jähen Sturz der bisher steil ansteigenden städtischen (vor allem der großstädtischen) Bevölkerungskurve. Zugleich verzeichnet er ein jähes Emporschnellen der vordem sehr stetigen, ja zum Teil fallenden Kurven der ländlichen und kleinstädtischen Bevölkerung.

Wie die kontinuierlichen Linien der Bevölkerungskurven abrissen, so zerbrach zugleich das Rückgrat der bis dahin auch in dem Verhältnis von der Landwirtschaft zur Industrie immer kontinuierlich gewachsenen Wirtschaft. So tauchen nun mit allen wirtschaftlichen Fragen auch die Bauprobleme in der Stadt-Land-Beziehung auf, und wir sind gezwungen, diese Lage als Ausgangsposition des Neubaus zu akzeptieren und aus ihr die annähernde Größenordnung für die ländlichen Bauaufgaben abzuschätzen.

In den nun engeren Grenzen sind etwa 75 Mill. Menschen auf Stadt und Land zu verteilen, das heißt auf etwa drei Viertel des alten Raumes. Wenn nun die Industrie nur rund 50 bis 55 v. ihrer Friedenskapazität haben dürfte, so hieße das im Prinzip, daß in demselben Maße weniger Meischen, in diesem Falle 10 bis 12 Mill., industre- und stadtgebunden untergebracht werden müßten. Darüber hinaus könnte man aber auch die neue Industriestruktur lockerer aufbauen, als sie sich einst zusammengeballt hat. Ferner würde mit einer Industriereduzierung auch eine Schwächung des Handels eintreten, der mit dem Verkehr zusammen fast 11 Mill. Menschen ernährte. Auch könnten die Rentner und Berufsuntauglichen ebensogut auf dem Lande oder mindestens in der Kleinstadt untergebracht bleiben.

Nicht alle diese Menschen brauchten auf den flachen Lande zu wohnen. Sie können zum großen Teil die Klein- und Mittelstädte stärken und damit auf eine gleichmäßigere Auslastung der Bevölkerungsdichten dir einzelnen Landschaften hinwirken. Immerhin ergäbe sich auch auf die Dauer, selbst wenn ein Teil der in den sonstigen Industrien, in Handel und Verkehr brotlos Gewordenen noch von der städtischen Bauwirtschaft (1939 in Deutschland 2 3/4 Mill. ohne Familienangehörige) absorbiert würde, ein "Mindestzuzug" für die lautlichen Siedlungen von rund 10 Mill. Menschen. Dies würde im Vergleich zu 1939, als die Landwirtschaft etwa 12 Mill. Menschen ernährte, ungefähr einer Verdoppelung der ländlichen Bevölkerung im verbliebenen Gebiet gleichkommen. Die Menschen könnten und müßten einesteils auf den Wege, über die Bodenreform, anderseits in der lebensnotwendigen Intensivierung der Landwirtschaft sowie im sich erweiternden ländlichen Handwerk und Baugewerbe Brot finden. Schließlich ist an die industrielle Verlagerung aufs Land zu denken.

Damit zeigt sich nun aber, daß es, wenn nicht eine grundlegende Programmänderung für die uns belassene Wirtschaftsentwicklung vorgenommen würde, unsinnig wäre, die Bau- und insbesondere Wohnungsbauplanung darauf abzustellen, daß die augenblicklichen Wohnbevölkerungsmassierungen in den Dörfern, Flecken und Zwergstädten wieder rasch von den neuerstehenden Mittel- und Großstädten absorbiert werden müßten. Es scheint vielmehr, daß der Bauwirtschaft auf dem Lande erstmalig Aufgaben entstehen, die in ihrer Größe und Einmaligkeit den Aufgaben im städtischen Bereich durchaus entsprechen. Wollte man den Neubau der zerstörten Städte der ländlichen Bauplanung vorordnen, so würde der Stadtsog verhängnisvoll eine Entwicklung stören, die zu vollziehen uns heute nicht nur möglich, sondern auch notwendig scheint.

dke.