Oberflächliche Spanienreisende gewinnen leicht den Eindruck von Luxus, Reichtum, Eleganz und Wohlleben. Aber der Schein trügt. Wohl nirgends treten die Kontraste erschreckender zutage als in Franco-Spanien. Dollarmillionäre leben anderswo bescheiden, verglichen mit der Madrider "Elite". Der kleine Mann aber würde selbst den dürftigsten türkischen Hamal, den Lastträger, beneiden, dessen Einnahmen ihm immerhin ein noch menschenwürdiges Ernährungsminimum gestatten.

Eine Welt des Überflusses macht sich in Palästen, Hochhäusern und prunkvoll’ dekorierten Schaufenstern breit. Sie ist Realität und kein Potemkinsches Dorf, das als Schauobjekt aufgebaut wäre, um dann lartenhausähnlich zusammenzufallen. Hüten muß man sich nur davor, die schon mittelalterlich feudale Atmosphäre der Madrider Gran Via, des Großer Weg es, zu verallgemeinern. Francos Auslese schuf einige Auserwählte, operettenhafte "Falangefürsten" und Grand Seigneurs des 20. Jahrhundert mit absoluten Machtvollkommenheiten. Die nah demokratischen Prinzipien den Begriff Nation verkörpernde Masse aber ist wirtschaftlich bettelarm und politisch vergewaltigt, will man das schärfere, aber treffendere Wort "leibeigen" vermeiden.

In der Gran Via kann man noch heute alles, kaufen was die Herzen anderswo vergeblich ersehnen Luxusmöbel, schwere. Seidenstoffe, Nylonstrümpfe, Schweizer Uhren, neueste Radio- und Schreibmaschinenmodelle, auserlesene Juwelen. Gleichartig wächst eine Armee aus zerlumpten, hohlwangigen Bettlern ins Unermeßliche, deren Existenz als Landplage neuerdings sogar von der kontrollierten spanischen Presse zögernd zugegeben wurde. Delikatessengeschäfte biegen sich unter lukullischen Genüssen: Schinkel Gänseleberpasteten, Geflügel und alle Arten Süßigkeiten gaukeln Schlaraffia vor. Die Mehrzahl der Bevölkerung aber drückt sich an den lockenden Scheiben die Nasen platt und blickt mit hungrigen Augen auf unerreichbare Genüsse. Ähnliche Bilder sah man in orientalischen Staaten, und tatsächlich ist Madrid von Europa viel weiter entfernt, obgleich geographisch dazugehörig, als etwa das kleinasiatische Ankara.

Gran-Via-Restaurants sind berühmt für die Qualität ihrer Speisen. Ein Mittagessen mit gutem Cherry kostet jedoch etwa soviel wie der beste Facharbeiter wöchentlich verdient. Die Hotels, die von der Elite besucht werden, bieten jeden erdenklichen Luxus. Dazu gehört auch die Zahl der Bedienten. Scherzeshalber behauptet man, daß auf jeden Gast ein Kellner und auf jeden fünften ein Privatportier komme. Arbeit ist billig in Franco-Spanien. Jenes Starhotel, von dem aus Mata Hari ihre Fäden spann und in dem sieh-auch während des zweiten Weltkrieges Hitlers Spionagenetz festsetzte dient nunmehr friedlicheren,, aber dennoch dunklen Zwecken. Hier treffen sich Könige des Schwarzen Marktes, Für einen Cocktail kassiert man in der Bar soviel wie der Tageslohn eines Arbeiters ausmacht, für ein Zimmer mehr, als er bei günstigstem Tarif in der Woche verdienen könnte.

Spaiien hat auch eine drückende Diktatur des Preiswuchers. Lebenskosten verfünffachten sich, während seit 1936 die Löhne um 50 v. H. erhöht wurden. So leidet der kleine Mann an Lebensmittelknappheit, und bei Hungerlöhnen kann weder der spanische Arbeiter noch der kleine oder mittlere Beamte etwas auf dem "Estraperlo" erstehen. Estraperlo – so lautet die wohlklingende Bezeichnung für den schmutzigsten Schleichhandel Europas. Mit Staats- und Kommunalbeamten an der Spitze kontrollieren ihn die allmächtigen Syndikate, deren offizielle Aufgabe es ist, eine gerechte Verteilung der Lebensmittel zu überwachen. In der Praxis werden alle Waren jedoch selbstgeführten Trusts des Schwarzen Marktes zugeleitet. Der ganze Prozeß ist kompliziert, und durch den Zwischenhandel ist dann die Ware, bevor sie vom Syndikat zum Konsumenten gelangt, für gewöhnliche Sterbliche unerschwinglich geworden.

Aber der Spanier ist noch immer stolz und klagt nicht. Selbst Bettler begleiten die Geste der ausgestreckten Hand mit keinem flehenden Wort. Ein Tourist muß also schon eigene Initiative besitzen, wenn er das Ventasviertel Madrids, das tragische Gegenstück zur Gran Via, besuchen will. Es ist eine Höhlenstadt, wie man sie in Europa für unvorstellbar halten sollte. Dort bieten schauerliche Berghöhlen kein prähistorisches Museum, sondern eine Lebens- oder besser Sterbensgemeinschaft. Schuhe und Strümpfe scheinen unbekannt, die Kleider erinnern eher an Fetzen, und außer nötigstem Hausgerät gibt es kein Mobiliar. Man schläft auf dem nackten Fußboden. Säcke ersetzen Decken und Matratzen. Epidemien grassieren ununterbrochen.

Das ist Franco-Spanien außerhalb der Gran Via. Es gibt kleine Gran Vias und viele große Ventas, wenn auch nicht immer ganz so grauenvolle. Der. Caudillo hat kein Interesse daran, den allgemeinen Lebensstandard zu lieben. Das widerspräche ja dem Auslesesystem. Er tut auch nichts, um die hohe Zahl der Analphabeten zu verringern. Ungebildete Massen lassen sich leichter beherrschen. SpaniensLandwirtschaft bleibt primitiv. Unter den Staatsausgaben des Jahres 1945 wurde das Ministerium für Landwirtschaft mit nur 95 Millionen Pesetas bedacht, das allmächtige Polizeipräsidium verfügte über 1295 Millionen, die Armee üben 2087 Millionen. Sie hält immer noch 750 000 Mann unter Waffen – bei einer etwa 27-Millionen-Bevölkerung.

In dieser Armee wächst Mißstimmung. Die Offiziere erhalten große Privilegien in Löhnung, Kleidung und Verpflegung. Der einfache Soldat wird so gedrückt wie sein Bruder an der Maschine, Interessanterweise sollen aber auch einige spanische Generale unzufrieden sein Sie wünschen Demobilisierung statt eines ständigen Nervenkrieges. F.