Im Rahmen weithin beachteter Kulturtage hat Köln gezeigt, daß es trotz seiner Kriegswunden dank seiner Größe und Tradition zu einer eigenen Sendung berufen ist. Daß Ströme nicht nur trennen, sondern auch verbinden, hat die Geschichte des Rheins oft genug bewiesen. An seinen Ufern wurde nun der erste Schritt getan, das neue Europa geistig vorzubereiten. Vertreter der englischen und, französischen Geisteswelt haben sich in Köln zum Wort gemeldet, damit aus den Monologen Dialoge werden, die europäischen Charakter tragen. Professor Guillemin (Bordeaux) hielt einen temperamentvollen Vortrag über die innere psychologische Entwicklung J. J. Rousseaus. Auch ein Vertreter Rußlands war als Redner vorgesehen, doch wurde der Einladung nicht Folge geleistet, was der englische Gast Robert Graham, Redakteur am britischen. Rundfunk, um so mehr bedauerte, als er die Toleranz im wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Leben zum Thema seines Vortrags gewählt hatte. Er verglich die Kulturtagungen von Leningrad (im September) und von Berlin (im Februar) miteinander und meinte, daß beide Tagungen unter dem Zeichen sowjetischer Kulturpolitik nicht von dem Gedanken der Toleranz getragen waren. Sein Wunsch war, daß die Kölner Kulturtagung beitragen möchte, die Schranken zwischen den Zonen und den Völkern zu beseitigen; es tue not. "Wir wollen uns zum Geiste Europas bekennen", so schloß auch Oberbürgermeister Dr. Pünder seine Ansprache, in der er ausgeführt hatte, daß die europäische Einheit die Voraussetzung für den gemeinsamen Neuaufbau sei.

Wie reich Köln trotz allem, was geschehen, noch ist, wurde durch Ausstellungen deutlich gemacht, am schönsten durch die Schau "Glasmalerei vom 12. Jahrhundert bis zur Jetztzeit", die 40 kostbare Kölner Werke vereinigte. Ein ganz besonderes Kunstwerk von großer kulturgeschichtlicher Bedeutung wurde während der Kulturtage der Öffentlichkeit zugänglich gemacht: das Dionysos-Mosaik im Dombunker. Es wurde 1941 bei Ausschachtungsarbeiten entdeckt und bildet das Kernstück des gleichzeitig eröffneten, vorläufig noch kleinen "Römisch-germanischen Museums". Das Mosaik wird als der größte römische Mosaikboden nördlich der Alpen angesehen: ein sehr gut erhaltenes, in bunten Farben leuchtendes Kunstwerk aus dem zweiten Jahrhundert, das in 31 Bildern Dionysos, den Gott des Weines und der Freude, mit seinem Gefolge von Satyren und Mänaden darstellt.

Der Krieg, der Köln so vieles nahm, hat dieser Stadt hier eine große einmalige Kostbarkeit geschenkt. Ein Dionysos-Mosaik neben dem Dom! Besser kann die enge Verbindung zwischen Antike und Christentum, diesen wesentlichen Bestandteilen des geistigen Europa, nicht symbolisiert werden!

Durch die "Sammlung Haubrich", nämlich die Schenkung des Rechtsanwalts Dr. Haubrich, ist Köln außerdem um eine der umfassendsten Gemäldesammlungen moderner Kunst bereichert worden. Dr. Haubrich hatte nicht ohne Gefahr auch in der Zeit des Nationalsozialismus seine Sammlertätigkeit fortgesetzt und vor allem solche Werke bevorzugt, die der Nationalsozialismus verdammte. Die westliche Malerei und Bildhauerei sind durch Ensor, Minne, Vlaminek, Outrillo, Maillol, der Osten durch Chagall vertreten. Nur einige der deutschen Künstler seien genannt, um den Umfang der Ausstellung zu kennzeichnen: Barlach ("Der Krieg"), Corinth, Nolde, Dix, Kokoschka, Hofer, Macke, Haeckel ("Kanallandschaft"), Otto Müller, Moderson-Becker, Seehaus, Schmidt-Rottloff.

Außer den erwähnten Ausstellungen werden Meisterwerke der holländischen und flämischen Malerei des 17. Jahrhunderts gezeigt, ferner Werke von Kölner Künstlern und Künstlerinnen, der Rheinischen Künstlergemeinschaft, des Rheinischbergischen Künstlerkreises, weiter eine Sammlung französische Graphik, die schon in Berlin und Mainz zu sehen war.

Sch.