Die deutsche Wirtschaft ist in einen circulus vitiosus geraten, einen verhängnisvollen Kreislauf, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt. Dies ist ein Zustand, den die Menschheit stets auf allen Gebieten des Lebens besonders gefürchtet hat, weil er. die Hoffnung tötet und das Handeln lähmt, denn jede Aktion führt zwangsläufig immer wieder zum Ausgang des Übels zurück. Genau so ist es heute in der deutschen Wirtschaft: Die Industrie läuft nicht an, weil die Kohle fehlt! Kohle fehlt, weil die Bergleute unzureichend ernährt sind; die Ernährung ist unzulänglich, weil der Import von Nahrungsmitteln nicht bezahlt werden kann; der Import kann nicht bezahlt werden, weil die Industrie keine Exportwaren herstellt, denn es fehlt an Kohle. Man kann aber auch an einer andern Stelle anfangen. Die Förderung von Kohle ist so gering, weil die Bergleute keine Kleidung und keine Wohnung haben; Kleidung und Baumaterial können nur hergestellt werden, wenn die Fabrikarbeiter genügend ernährt werden; die Ernährung kann nur bezahlt werden, wenn exportiert wird; der Export läuft erst an, wenn es Kohle gibt. Solche Zirkelschlüsse lassen sich beliebig vermehren; wo immer man auch ansetzen mag, man kommt aus dem Kreislauf niemals heraus. Aus – einem circulus vitiosus gibt es eben, das liegt in seiner Natur, kein Entrinnen.

Daher ist es nötig, den Kreis zu zerschneiden, um so einen Ausweg zu schaffen. Dies ist von der englischen Besatzungsbehörde klar erkannt und in die Tat umgesetzt worden, soweit es in ihrer Macht steht. Als Schnittpunkt hat sie die Kohle gewählt. Es wäre nun am einfachsten, so könnte es scheinen, die Ausfuhr von Kohle für längere Zeit auszusetzen und die gesamte Forderung der deutschen Wirtschaft zur Verfügung zu stellen. Dies anzuordnen aber haben die englischen Behörden allein keine Befugnis. Es ist Sache des Kontrollrats, die Verteilung der Ruhrkohle zu bestimmen. Und der Kontrollrat muß die Forderungen Frankreichs, Hollands, Belgiens und Dänemarks berücksichtigen. Hier zeigt sich zum ersten Male deutlich, daß es politische Kräfte sind, die von außen her gegen den Zirkel drücken, so daß die Kreislinie zwangsläufig streng geschlossen bleibt und ein Ausweg unmöglich ist.

Auch das nämlich, was die englischen Behörden versuchen, kann nicht mehr bewirken als eine zeitweilige Besserung, die letzten Endes nur eine Verschiebung der Gewichte innerhalb des Zirkels bedeutet, ihn aber nicht auflöst. Es wird jetzt alles starken, intern man dem Bergmann bessere Lebensbedingungen schafft. Er erhält höhere Rationen sind Sonderzuteilungen an Tabak und Schnaps die geringe Produktion an Bedarfsgütern aus der britischen Zone soll in erster Linie ihm zur Verfügung gestellt werden, und ein Bauprogramm für die ganze Zone ist entwickelt worden, das die Erstellung von Wohnungen im Ruhrgebiet als oberste Forderung enthält.

Aber das ist nicht anders, als wenn man einen Kreis von Menschen, die alle gleich wenig Blut haben, dadurch heilen wollte, daß man unter ihnen eine Bluttransfusion vornimmt, in der Weise, daß einer das Blut erhält, das den übrigen abgezapft wird, wobei man hofft, daß dieser eine dann so viel Blut produzieren werde, daß er nach und nach auch die andern versorgen kann. Der Trugschluß liegt auf der Hand. Diese andern nämlich werden inzwischen so erschöpft sein, daß sie nicht mehr gerettet werden können, und auch der neue Blutspender wird zugrunde gehen, wenn er diesen vergeblichen Versuch unternimmt. Es wird also deutlich, daß nur die Zuführung neuen Blutes von außerhalb Hilfe bringen könnte.

Nun ist es nicht so, daß die Besatzungsbehörde dies nicht sähe. Sie pumpt neues Blut herein und hat auch die Absicht, dies in erhöhtem Maße weiter, zu tun. Auf Kosten des britischen Steuerzahlers werden Lebensmittel eingeführt, und die Industrie wird eines Tages Kredite erhalten, um Rohstoffe einzukaufen. Aber ist damit der circulus vitiosus wirklich unterbrochen? Dies ist zweifellos die Absicht. Die vermehrte Kohlenförderung soll bewirken, daß die-Industrie anlaufen kann, und die Kredite werden dies von der Rohstoffseite her ermöglichen. Dadurch kann exportiert werden, und mit dem Erlös der Ausfuhr kann begonnen werden, die Kredite zu tilgen und Nahrungsmittel zu bezahlen. Doch, so müssen wir fragen, ist damit etwas Wesentliches geändert?

Zunächst bleibt die Lage die gleiche. Das Problem ist nicht nur die Bezahlung der Nahrungsmittel, sondern eine bedeutende Erhöhung der Zuteilungen für alle Bewohner der Zone. Ferner: Die deutsche Industrie ist zum erheblichen Teil zerstört; wenn sie ausreichend produzieren soll, müßte sie erst aufgebaut werden. Wenn die Arbeiter ihr volles Tagewerk leisten sollen, müßten die Waren des täglichen Bedarfs im Lande bleiben, erträgliche Wohnungen müßten geschaffen werden. Die verfügbaren Mengen für den Export dürften also zunächst nur sehr gering sein. Der englische Steuerzahler müßte weiter die deutschen Nahrungsmittel bezahlen, auf Kosten einer angemessenen Lebenshaltung im eigenen Lande, und Sie Kreditgeber würden lange Zeit auf Verzinsung und Tilgung verzichten müssen,

Ist aber einmal die Produktion imstande, genügend Waren für den Export zu liefern, dann müßte, um alles zu bezahlen, was laufend nötig Und was inzwischen an Schulden angelaufen ist, ein Wo hoher Export von Fertigwaren stattfinden. Wo aber soll er untergebracht wenden? Obgleich England und Frankreich in großem Umfang exportieren, gelingt es ihnen noch nicht, das erhebliche Defizit ihrer Handels- und Zahlungsbilanz weiter gleichen. Folglich müssen sie ihren Export weiter erhöhen, denn ihre Importe zu drosseln ist nicht möglich. Die Vereinigten Staaten werden in absehbarer Zeit, um ihre Industriekapazität auszunutzen, die Welt mit Waren überschwemmen. Ein forcierter deutscher Export würde vermutlich durch zwangsweise Kontingentierung eingeschränkt werden Peer, um sich auf dem Weltmarkt durchsetzen zu können, mit Preisrelationen arbeiten müssen, die das Gleichgewicht des Weltmarktes stören. Aus dem still in sich fließenden circulus vitiosus wird dann ein Wirbel, der immer weiter um sich greift und schließlich alles ins Verhängnis reißt Wenn dann der verhüllende Schein durch den Sturm eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs weggefegt ist, wird der circulus vitiosus in ganzer Nacktheit wieder in Erscheinung treten. Die Industrie kann nicht exportieren, Nahrungsmittel können nicht bezahlt werden und die Bergarbeiter können nicht arbeiten. Müssen wir noch erwähnen, daß wir von Reparationen und Demontagen gar nicht gesprochen heben?