Als die amerikanische Armee in München Quartier nahm und rauschende Züge von Motorfahrzeugen wie Lachse zur Laichzeit durch die Ruinenschluchten schwammen, da standen an allen wichtigen Straßenkreuzungen die MP‘s als Verkehrsregler. Manches, was eine fremde Besatzung an sich hat und mit sich bringt, befremdet oder verdrießt den, der sie erdulden muß. Dies aber, nämlich "ihre" Art, den Verkehr zu regeln, gefiel uns gleich über die Maßen, obwohl es eine bei uns ungebräuchliche Art war.

Da standen sie also, inmitten der Brandung, die um sie her aus vier Richtungen ihre dröhnenden, übermannshohen Wellen schlug, den gelackten Helm ein wenig schräg auf dem Kopf, weiße Handschuhe an den Händen, und dirigierten. Sie erinnerten tatsächlich an Kapellmeister. Es sah aus, als dämpften sie mit der Linken das vorlaute Blech, während sie mit dem winkend gekrümmten Zeige- und Mittelfinger der Rechten die Streicher "herkitzelten". Die Streicher? Nun eben: die motorisierten Vorbeistreicher, vom Jeep angefangen bis zum tankabschleppenden Goliath. Der Vergleich ist auch – sonst so hergeholt nicht. Denn der Verkehr, auch als er später ziviler wurde, war seinen drahtigen Drahtziehern von damals offenbar keinen Augenblick lang etwas Mechanisches, dem man am besten – similia similibus – mechanisch beikäme. Sondern sie schienen ihn als die immer wechselnde Broadwaymelodie der Großstadt zu empfinden, der man nur mit leidenschaftlicher Hingabe und voller Beherrschung der Partitur gerecht wird.

Das Unterscheidende und uns Faszinierende lag nämlich darin, daß sie durch Wink jedem Fahrer einzeln Durchfahrt und Richtung freigaben, und zwar so, daß mit blitzschneller Erkenntnis der Abstände je nachdem das Fahrzeug der einen oder der andern Richtung begünstigt wurde. Eine Virtuosenleistung, musikalisch mit sportlichem Einschlag. Als solche wurde sie ausgetragen, als solche auch von Zuschauern und sachverständigen Verkehrsteilnehmern empfunden. Das Resultat: Der Verkehr, mochte er anschwellen soviel er wollte, wurde nicht nur gebändigt. Er blieb auch flüssig!

Als dann wieder nach und nach deutsche Verkehrsschutzleute dieses Amt übernahmen, merkte – man recht gut, daß sie inzwischen bei jenen Verkehrsballspielern in die Schule gegangen waren. Sie zupften sich die einzelnen Fahrer heran, sie schleusten an sich vorbei. Manche konnten es schon ganz gut. Im ganzen aber blieb zu spüren: daß diese souveräne Art dem vom Exerzierreglement geschulten deutschen Polizisten nicht sehr lag. Die Hoffnung, daß er bald Geschmack daran fände, war damit noch nicht entmutigt. Neuerdings jedoch sieht es danach aus, betrüblicherweise. Wo die Lichtsignale wieder in Gebrauch genommen wurden, ist die mechanische Stopp- und Einerlei-Richtungsregelung wohl unvermeidbar. Aber leider auch dort, wo der Verkehrsregler nicht zum Bediener der gleichgültigen Apparatur geworden ist, sondern selbstherrlich entscheidet, macht sich ein Ermatten, eine zunehmende Rückkehr zur früheren mechanisch-totalitären Regelung bemerkbar. Schon ist der Verkehr hier weithin – am steif hinausgestreckten Arm – wieder das alte Stopp- und Anhaltespiel geworden, ohne den "Fluß", den die individuelle Weise ermöglicht.

Kleinigkeiten? Rote Flecke sind auch Kleinigkeiten, und doch bedeuten sie womöglich Scharlach, Masern oder Schlimmeres. Auch das Zurücksinken in den Stoppstil von ehemals ist ein Symptom, und man darf es bedauern. An Stelle einer sportlichen Spielfreude und Gefälligkeit, die den Verkehr als ein Gewebe aus einzelnen Fäden nimmt, die es kunstvoll ineinander zu schlagen gilt, ist wieder jene Bausch- und Bogenerledigung getreten, die aus der Gleichgültigkeit kommt und das Hängen- und Zappelnlassen als Versuchung unwillkürlich in sich hat. Das ist menschlich nicht bekömmlich, wir wissen es! Und darum sollte man Situationen, wo sich derlei nicht vermeiden läßt, knapphalten und sich durch gehabte Lehre und Augenschein zum Besseren hinführen lassen. Denn ich fürchte, der Grund der genannten "Sprödigkeit" liegt auf der gleichen Linie, die für das Gelingen des demokratischen Experiments so lange fürchten läßt, als Befehlen–Gehorchen das einzige Schema der Lebensbewältigung ist, das dem Zeitgenossen offiziell möglich erscheint, und damit immer noch mehr hindert, daß jeder, auch der Dienende, sich über den innern Stacheldraht der Subalternität hinweg in seinem Tun höchst persönlich vollende.

Ist es bei uns unter dem Massengeist und seinem Bann nicht dahin gekommen, daß sich der einzelne, auch wenn er das Zeug zu Besserem in sich hätte, geniert, seinen "Dienst" mehr als ein Erledigen sein zu lassen? Manch bittres Wort geht um unter uns über den, der unvorsichtig genug war "aufzufallen"! Ist es da ein Wunder, daß wir so viele ungastlich lieblose Kellner, soviel dauernd beleidigt scheinende Machthaberchen in allen Ämtern und Läden, soviel Haarkünstler ohne alle Figaroheiterkeit und Anmut und, unter all diesen "Erledigern" zuletzt, nicht als letzte, auch Verkehrsschutzleute haben, die auf dem Weg zum überlegenen Dirigenten schon wieder zu ermatten drohen.