Seit dem Abbruch der Kriegskonjunktur macht sich in steigendem Maße ein Mißverhältnis zwischen Einkommens- und Preisentwicklung fühlbar. Der einzelne Einkommensträger und Verbraucher sieht, daß er – in der großen Mehrzahl der Fälle – heute weniger verdient als früher und daß er mit diesem geringeren Nominaleinkommen immer weniger kaufen kann. Für eine wohl immer noch beträchtliche Gruppe bietet sich vorläufig noch der Ausweg, auf Ersparnisse zurückzugreifen, die aus der Zeit des anwachsenden Kaufkraftüberhangs während der Kriegskonjunktur vorhanden sind. Die Einlagenbewegung der Sparinstitute zeigt daß dieser Weg vielfach beschritten wird. Da zweifellos in sehr großem Umfang effektive Barreserven über die Zeit des Zusammenbruchs hinweggerettet worden sind, deren Inanspruchnahme statistisch nicht als Gesamterscheinung zu erfassen ist, kam man annehmen, daß der Kapitalverzehr noch erheblich stärker ist, als die Kreditinstitute es ausweisen.

Eine von privater Seite unternommene Enquete über die Einkommens- und Lebenshaltungsverhältnisse in Arbeiterhaushaltungen bestätigt’diese Vermutung. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß im Durchschnitt aller befragten Haushaltungen nur drei Fünftel der Ausgaben aus laufenden Einkünften gedeckt werden, während die restlichen zwei Fünftel (40,4 v. H.) aus gesparten und zurückgelegten Geldern Deckung finden. In einer amtlichen Erhebung ähnlicher Art im Jahre 1927/28 figurierte der entsprechende Posten mit 1 v. H. der Gesamteinnahmen; heute dagegen bildet er neben dem Arbeitseinkommen des Haushaltungsvorstandes (47 v. H.) den wichtigsten Tragpfeiler der Haushaltrechnung.

Bezeichnend ist auch die stark gesunkene Bedeutung des Arbeitseinkommens der Hausfrau. 1928 machte es 4 v.H. der Gesamteinkünfte des Durchschnittshaushalts aus, heute erreicht es nicht einmal mehr ganz 1 v. H. Dieser scheinbare Widerspruch zur wirtschaftlichen Notlage erklärt sich daraus, daß der Versorgungsstand der Familie sofort in einem als unerträglich empfundenen Maß absinkt, wenn die Hausfrau, anstatt alle ihre Kräfte auf die Heranschaffung von Lebensmitteln zu verwenden, Arbeit außer dem Hause annimmt. Berufstätigkeit der Hausfrau hebt heute nicht den Lebens- – Standard der Familie, sondern drückt ihn empfindlich herunter. Der an sich mögliche Arbeitsverdienst der Hausfrau erscheint so als "entgangener Gewinn".

Die Aufgliederung der Ausgaben bei den von der Enquete befragten Haushaltungen enthüllt eine Tatsache, die man nicht einfach als "verdammenswert" abtun kann, sondern als ökonomischer. Tatbestand hinnehmen muß: Mehr als ein Viertel der Gesamtausgaben, nämlich 27 v. H., werden für die "Beschaffung zusätzlicher Lebensmittel" verwendet, während der einzige Ausgabenposten, der darüber hinausreicht, der Einkauf von Lebensmitteln beim Einzelhandel, nur 29 v. H. ausmacht. Fast zwei Drittel der befragten. Haushaltungen gaben die Teilnahme am Schwarzen Markt zu, und es ist wahrscheinlich, daß im letzten Drittel noch eine Reihe ähnlich gelagerter Fälle enthalten ist, ohne daß dies offen ausgesprochen wurde. Es handelt sich ganz überwiegend um Versuche, das Lebensnotwendige heranzuschaffen. Hamsterfahrten aufs Land, insbesondere die bekannten Kartoffelfahrten, Ausnutzung von persönlichen Beziehungen aller Art, natürlich immer unter Einsatz von Mittels, die über den regulären Preisen liegen, bestimmen das Gesamtbild. Die von den Befragten genannten Preise liegen denn auch wesentlich unter den gleichzeitig in den Großstädten bekanntgewordenen Preisen des Schwarzmarktes im engeren Sinne. Hochwertige Nahrungsmittel, wie Fett, wurden nach den Angaben der Befragten nur in Ausnahmefällen erworben; Kartoffeln und Brot stehen durchaus im Vordergrund.

Übrigens würde auch ein Haushalt, der sich standhaft jeder Berührung mit dem Schwarzen und sogar mit den verschiedenen Schattierungen des Grauen Marktes enthielte, in seiner Einkommensverwendung Posten aufweisen, die in der Reichsindexzahl für die Lebenshaltung (auf der Basis 1913 = 100 und beruhend auf den Preisänderungen bei 110 verschiedenen Bedarfsgütern), nicht berücksichtigt werden. Wir meinen die sogenannten freien Waren, die einer weniger strengen Bewirtschaftung und Preiskontrolle unterliegen als die Grundnahrungsmittel, die aber als Ergänzung zur Ernährung und für den sonstigen Tagesbedarf in beträchtlichem Umfang gekauft werden. Die Preise für solche Waren sind, im groben Durchschnitt gesehen, ungefähr auf das Vierfache der entsprechenden Friedenspreise gestiegen, obwohl es sich meist nur um Ersatzware minderer Qualität handelt. So kostet zum Beispiel ein Pfund Fruchtmark, das vor dem Kriege praktisch wertlos war, jetzt 2,40 RM, ein Pfund markenfreies Seifenpulver 1,40 RM gegen 35 Pfennig in 1939, ein Paar Schnürsenkel 80 gegen 5 Pfennig, eine große Dose Schuhkrem 1,20 RM gegen 40 Pfennig, ein Pfund getrocknete Erbsen 3,20 RM gegen 50 Pfennig. Auch die Preise für überwiegend bezugsmarkenpflichtige Waren, wie Möbel, Hausrat usw., haben beträchtliche Preissteigerungen zu verzeichnen, was mit zusätzlichen Materialbeschaffungskosten, höheren Produktionskosten (infolge kleinerer Herstellungsserien) und Einführung von Handarbeit an Stelle von Maschinenarbeit begründet wird. Kochtöpfe zum Beispiel kosten gegenwärtig 5 bis 8 RM, während sie 1939 mit 1,20 bis 2,20 RM bewertet wurden; Bratpfannen kosten 6 gegen 2,50 RM, Bettgestelle 75 gegen 32 RM und ein Sägebock 21 gegen 4,50 RM. Dies sind nur ein paar beliebige Beispiele aus einem weiten Feld von Verteuerungen, die nichts mit dem Schwarzen Markt zu tun haben, die aber im Budget des Durchschnittshaushalts eine gewichtige Rolle spielen. Besonders schwer, belastet durch die hohen Preise von Möbeln und Hausrat wie auch von Bekleidungswaren, deren Qualität noch dazu nur eine beschränkte Verwendungsdauer zuläßt, werden die Ausgebombten und Flüchtlinge, also gerade die Bevölkerungskreise, deren wirtschaftliche Lage ohnehin am ungünstigsten ist.

Die Enquete ergab, daß die befragten Haushaltungen im Durchschnitt etwa halb so viel für Anschaffungen ausgegeben haben wie für "zusätzliche" Nahrungsmittel, so daß durch diese beiden Posten zusammen die Entnahme aus Spar- und zurückgelegten. Geldern annähernd aufgewogen wird. Mit andern Worten: Die Vervollständigung der unzureichenden Ernährung und die notdürftige Versorgung mit Gebrauchswaren können nur bestritten werden, wenn die Vermögenssubstanz angegriffen wird. Das Bild ist zweifellos insofern noch zu günstig, als aus technischen Gründen nur verhältnismäßig wenige Ostflüchtlinge in die Befragung einbezogen werden konnten, für die die Anschaffung von Kleidung und Hausrat eine noch ungleich wichtigere Rolle spielt als für die übrigen Volkskreise.

Der Lebenshaltungsindex, der während des Krieges durchschnittlich um 2,4 v. H. jährlich gestiegen war, wies von April 194 bis April 1946 eine Zunahme um 5,4 v. H. auf und erreichte im Juni 1946 den Stand von 157,2 gegenüber 125,7 bei Kriegsausbruch und 144,4 bei Kriegsende. Die geschilderten Tatsachen lassen erkennen, daß das Mißverhältnis zwischen Preis- und Einkommensentwicklung in Wirklichkeit noch sehr viel schärfer ist, als es aus der Vogelschau einer mit Indexen und volkswirtschaftlichen Bestandsbewegungen operierenden Betrachtung den Anschein hat. Der Reallohn liegt, wie die Ergebnisse der Enquete nachweisen, ganz beträchtlich unter dem Nominallohn. Auch dieser ist aber schon mit dem nach oben gerichteten Weg der Lebenshaltungskosten In eine verhängnisvolle Überkreuzstellung geraten die man als Preis-Lohn-Schere bezeichnen kann.