Aufstellungen über Welternte, Weltbedarf und Weltdefizit an Getreide. wie sie mehrere Monate lang in den. Zeitungen zu finden waren, sind nach dem über alles Erwarten günstigen Ernteausfall in den großen Überschußländern völlig inaktuell geworden.

Freilich haben sich nun, zunächst an Niederrhein und Ruhr, später vorübergehend auch in Hamburg, ernsthafte Versorgungsschwierigkeiten ergeben, und daraufhin ist letzthin eine Reihe von Alarmrufen erfolgt. Will man die Versorgungslage richtig sehen, so wird man gut daran tun, zwischen verschiedenen Ursachen des Mangels zu unterscheiden. Unangenehm, aber nicht wirklich gravierend sind die durch mangelnde Vorratshaltung und durch Folgen des Schiffahrtsstreiks bedingten Störungen in den Dispositionen. Bedenklich ist und bleibt die Versorgungslage Deutschlands (und ebenso einer Reihe anderer Länder), weil die Eigenversorgung nicht ausreicht und die zugesagten Zuschüsse nicht absolut gesichert sind. Für die westlichen Besatzungszonen gilt, genau wie im Vorjahre, daß (nach der Aufstockung der Rationen) die Erzeugung eigener Ernte die Brotversorgung nur etwa bis zum Februar sichert, daß also sämtliches Brotgetreide für das zweite Versorgungs-Halbjahr eingeführt werden muß.

Das ist keine neuere Entwicklung, die Tatsache stand vielmehr schon in der Erntezeit fest. Insofern wäre es also falch, von einer "neuen" katastrophalen Entwicklung zu sprechen. Neu ist an der Lage vielmehr nur, daß sie nun endlich ins Bewußtsein sehr vieler Menschen – zunächst in Deutschland, dann auch in Großbritannien-und in den USA – eingetreten ist. Dazu kömmt die zunehmende Erkenntnis, daß die "Erfassung" der Lebensmittel Beim Erzeuger aus wirtschaftlichen, organisatorischen und psychologischen Gründen immer problematischer wird und daß vor allem die schweren Eingriffe in den Viehbestand verhängnisvoll wirken müssen. In "Wallensteins Lager" heißt es, um die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges zu charakterisieren, die Soldaten "schonen das Kalb nicht in der Kuh, nehmen das Ei Und die Henne dazu". Auf demselben Stande ist Jetzt die "Erfassung" angekommen, die eine Abschlachtung selbst tragender Rinder erzwingt.

Das Neue an der heutigen Lage ist also, um es nochmals, zu sagen, daß Mangel und Not allgemein diskutiert werden, während vor sechs oder neun Monaten nur einzelne warnende Stimmen zu hören waren von Leuten, die sich damals noch der Gefahr aussetzten, als "Negativisten" kritisiert und beiseite geschoben zu werden. Neu ist heute aber auch, daß die Möglichkeiten, wie Abhilfe geschaffen werden kann, klar erkannt und einer Verwirklichung recht nahe gerückt sind. Nachdem die Hoffnung, durch eine baldige wirtschaftliche Zusammenfassung der Westzonen zu einer Besserung zu kommen, infolge bürokratischer Hemmungen enttäuscht hatte und zunichte geworden war, können wir nun doch hoffen, daß durch das Anlaufen von Rohstoffkrediten, Veredelungsverkehr und (später) auch echtem Direkt-Export eine Entlastung eintritt – vorausgesetzt, daß ein Kohlenmoratorium die Möglichkeit schafft, die erforderlichen Energien für die Verarbeitung der hereinkommenden Rohstoffe verfüglich zu haben, und vorausgesetzt ferner, daß rechtzeitig mit dem Anlaufen der Kredite die Währungsreform eingeleitet wird, damit dann also Produktion und Distribution anlaufen können.

Das Sind die Chancen, die heute gegeben sind und die man über die unmittelbar drückenden Ernährungssorgen nicht vergessen sollte. Die nun wieder durch alle möglichen Änderungen in der Zusammensetzung der verfüglich gemachten Lebensmittel problematisch gewordene Tagesration von 15 50 Kalorien ist, selbst wenn sie effektiv wird und nicht nur nominell bleibt, ja offenbar doch nicht ausreichend. Diesen Schluß wenigstens läßt die von britischer Seite erfolgte Anordnung zu, daß den in Anstaltsgewahrsam befindlichen Personen eine Ration von 1800 Tageskalorien zu geben sei. Offenbar nimmt man an, daß der auf freiem Fuß befindliche Normalverbraucher sich die Differenz von 250 Tageskalorien unschwer beschaffen könne – sei es durch Bettelgänge beim Bauern, sei es auf dem Schwarzen Markt. Angesichts dieser Logik; fürdie neben dem System der "totalen" Erfassung und Bewirtschaftung aller Lebensmittel wirklich kein Raum mehr vorhanden ist, könnte man wahrhaftig verzweifeln. Fragt sich nur, ob die Differenz zwischen 15 50 und 1800 Kalorien das Eingesperrtwerden in eine Irrenanstalt wirklich lohnt... E. T.