Großbritannien hat während des Krieges den überwiegenden Teil seiner Auslandsguthaben hergeben müssen, um Kriegslieferungen zu bezahlen. Darüber hinaus! mußte es sich stark verschulden – vor allem an Amerika, aber auch an die Mitgliedstaaten der englischen Völkerfamilie, besonders an Kanada, Australien, Indien Die Schulden an die USA aus den Pacht-Leih-Lieferungen betragen allein 10-Milliarden Dollar.

Mit den Auslandsguthaben, sind deren Erträge fortgefallen, die sonst den großen Einfuhrüberschuß der Insel ausgeglichen haben (zusammen mit den Einnahmen aus fragten und aus den Versicherungsgeschäft). England, ist daher augenblicklich nicht mehr in der Lage, auch nur den lebenswichtigen Import vollständig aus eigenen Mitteln zu ermöglichen. Um seiner Bevölkerung eine knapp ausreichende Lebenshaltung zu schaffen, muß es seinen Export unter allen Umständen und mit allen Mitteln so stark; und schnell wie nur möglich ausdehnen. Dabei ist die vielfach sehr strapazierte und veraltete technische Ausrüstung der englischen Industrie ein ernstes Hindernis. Während des Krieges konnte sie nur unzureichend erneuert, modernisiert und ausgebaut werden. Der Kohlenbergbau ist-besonders unzulänglich; seine Arbeitsverhältnisse sind schlecht. Der allgemeine Mangel an Arbeitskräften macht sich dort daher besonders bemerkbar. Aus diesen Gründen. reicht die Förderung kaum für den eigenen Bedarf, geschweige denn für den früher bedeutenden Export. Aber auch eine gesteigerte Förderung würde dem Export wahrscheinlich nur in geringem Umfange zugute kommen; denn die Anforderungen der eigenen Industrie, die für den inneren Markt und vor allem für den Export mehr leisten soll als je zuvor, werden noch ansteigen.

Englische Kohle ging u. a. nach Frankreich, nach Dänemark, nach Schweden. Wegen des Ausfalls der englischen Kohlenlieferungen hat Schweden sein für den Export – vor allem nach England – bestimmtes Gruben-, Papier- und Bauholz verfeuern müssen. Dadurch wird die Bautätigkeit in England behindert. Darum auch ist Papier in England knapp. So muß England zu der verzweifelten Maßnahme greifen, in Deutschland Holz schlagen zu lassen. Der Fortfall der Kohlenausfuhr bedeutet nicht nur einen empfindlichen Verlust an Deviseneinnahmen für England, sondern hat darüber hinaus schwerwiegende Folgen, für Rohstoffversorgung und industrielle Tätigkeit auf dem ganzen Kontinent.

Die englische Baumwollindustrie, einer der wichtigsten englischen Gewerbezweige mit großer Exportquote, ist technisch sehr stark veraltet. Die britische Handelsflotte hat, trotz Neubauten und Zukäufen, weniger als drei Viertel des Vorkriegsstandes erreicht. Bereits diese kurzen Hinweise zeigen die angespannte Wirtschaftslage und vor allem das grundsätzliche Ausfuhrproblem. Während Englands Industrie durch den Krieg stark, beansprucht wurde und jetzt in großem Umfang überholt, modernisiert und ausgebaut werden muß, hat die Produktionskraft anderer Länder, voran, der Vereinigten Staaten, sodann Kanadas und Südamerikas, gewaltig zugenommen. Zwar ist der Bedarf an Industriegütern im Augenblick in der ganzen Welt so groß, daß er auch durch die Produktionskraft der ganzen Welt nicht zu befriedigen ist, aber diese Lage mag sich schon in wenigen Jahren ändern. Dann muß sich England auf den Weltmärkten gegen eine scharfe Konkurrenz behaupten können.

Die Aufgaben der englischen Industrie sind also recht bedeutend: Wiederaufbau der zerstörten Städte, Ausbau der Industrie, der Flotte und der Luftschiffahrt, eine bedeutende Steigerung des Exports, die Befriedigung des aufgestauten Bedarfs der Bevölkerung an Gebrauchsgegenständen und schließlich das große Wohnbauprogramm.

Mehr noch als durch die technisch unzureichende Ausrüstung wird die Industrie durch den Mangel an Arbeitskräften gehemmt. Die Demobilisierung geht nur langsam vor sich. Zur Aufrechterhaltung des militärischen Potentials müßten 2 Millionen volleinsatzfähige Menschen unter Waffen und 1,3 Millionen Arbeiter: in den Rüstungsfabriken bleiben. Außerdem wird weiterhin, genau wie im Kriege, zur Senkung des Einfuhrbedarfs die landwirtschaftliche Produktion forciert. Die Kräfte, die jetzt in der Landwirtschaft tätig sind, fehlen in der Industrie. Ferner verlassen die Frauen, die während des Krieges freiwillig oder dienstverpflichtet in den Fabriken gestanden haben, ihre. Arbeitsplätze. Und nicht zuletzt: es fehlen die Toten.

Deshalb werden die deutschen Kriegsgefangenen in England nicht entlassen, werden sogar noch Gefangene aus den USA nach England gebracht. Sie sind, die Hauptstütze des landwirtschaftlichen Arbeitseinsatzes; ein großer Teil von ihnen ist außerdem im Straßenbau, beschäftigt oder zu Bau- und Aufräumungsarbeiten eingesetzt. Der Bedarf in allen diesen Berufen ist sehr groß und wird es aller Voraussicht nach auch in den kommenden Jahren. bleiben. Das Angebot an Arbeitskräften wird für die kommenden, Jahre voraussichtlich, bei weitem nicht ausreichen; um den Bedarf zu decken. Insbesondere machen sich in der Landwirtschaft starke Abwanderungstendenzen (besser: Rückwanderungstendenzen) bemerkbar, die wohl kaum auf die Dauer durch Zwangsmaßnahmen aufgehalten werden können.