Von Trut Maren Jaquemar

Auch wenn man Anouilhs Anschrift nicht kernt, ist es leicht, ihn im gfoßen Paris zu finden, Er arbeitet täglich in seinem Theater, im "Atelier Théatre des Quartre Saisons", das ganz nahe der altbekannten Sacré-Coeur-Kirche liegt. Hier, in den engen Gassen der berühmt-berüchtigten Umgebung der Place Pigalle, ist also die Wirkungsstätte des Dichters, wo ihm zwei Menschen helfend zur Seite stehen: seine Frau, die in ganz Frankreich bekannte Schauspielerin Monelle Valentin, die neben Ludmilla Pitjoeff die Interpretin seiner Frauenrollen ist, und Barsacq, der Regisseur, Bühnenbildner und Kostümgestalter in einer Person.

Unscheinbar und grau sieht das "Atelier" an der Place Dancourt aus; eng und verbaut alles, wohin man blickt, wenn man das Haus durch den Bühneneingang betritt: Portiersloge, Büro und Proberäume. Hier empfängt Jean Anouilh.

Nach deutschen Begriffen ist er klein zu nennen; aber passen wir uns der französischen Umwelt an, so wirkt er mittelgroß. Schlank, aschblondes Haar, eine randlose Brille, die Augen von undefinierbarem Grau, so tritt er uns freundlich und etwas scheu entgegen. Jegliche Pose fehlt, kein Selbstbewußtsein wird zur Schau getragen, und das berührt äußerst angenehm bei einem Menschen, der zu den ersten Kunstschaffenden Frankreichs gehört und dessen Werk auch die deutschen Bühnen stark beschäftigt. In der warmen Baritonstimme klingt Güte, und in dem unkonventionellen Lächeln zeigt sich die Reife eines Denkers, dem kein menschliches Gefühl fremd ist.

Das Erstaunen, im Oktober 1946 einen Gast aus Deutschland zu sehen, weicht schnell einem wachen Interesse, als sich herausstellt, daß dieser Besuch in Paris dem Studium des Theaterlebens gilt. Ich hatte die Bilder der Kieler Antigone-Inszenierung mitgebracht. Zum erstenmal – wie ich höre – hat Anouilh so die Möglichkeit, Näheres über deutsche Aufführungen seines Werkes zu erfahren. Sofort werden Frau Valentin und Herr Barsacq. hinzugerufen und zur Illustration der französischen Auffassung die Photos der Barsacqschen Inszenierung hervorgeholt, in der Frau Valentin die Rolle der Antigone gespielt hatte. Ein Werk und zwei Auffassungen, denen noch die Baden-Badener in der Regie A. M. Rabenalts entgegengestellt wird.

Schon im Bühnenbild und in den Kostümen zeigt sich da, wie grundverschieden doch die Auffassungen über ein und dasselbe Stück sein können. Während bei den beiden deutschen Inszenierungen ein auch in Deutschland schon längst überwundener Stahlmöbelstil einen Anklang zum Surrealismus darstellen sollte (bei dem Kieler Bühnenbild besonders geschickt durch die visionären Säulen aus weißen, straffgespannten Tauen hervorgehoben, bei der Baden-Badener Aufführung durch kühne Einbeziehung der Filmprojektion in das Bühnenbild), erkennt man im Bühnenbild Barsacqs wohl die Verwirklichung des echten Surrealismus. Das Stück spielt hier in einem "luftleeren Raum" – und Anouilh hebt dies besonders hervor. Ein schwarz ausgehängter Rundhorizont, deutlich gemacht durch zwei weiße Stufen, auf deren Halbkreis sich die Personen setzen, und in der Mitte zwei hölzerne Küchenschemel für Antigone und Kreon. Sonst nichts. Nur Beleuchtungseffekte und die Wirkung der Kostüme: schlichte, moderne Abendkleider und schwarze Fräcke. Nichts also lenkt den Zuschauer vom rechten Hören des Wortes ab, und in der Tat ist die Sprache Anouilhs wohl auch so packend, daß es keiner landläufigen Dekoration bedarf, um durch Technik eine Steigerung zu erzielen. Nur die Leistung der Schauspieler kann also den Erfolg des Abends sichern: so will es Anouilh.

Ich habe auch die Frage nach der tagespolitischen Tendenz seines Stückes im Sinne der Zustände von 1944 gestellt. Aber Anouilh versichert mit Nachdruck, daß er nicht im geringsten an den Machtkampf zwischen Vichy und dem Maquis gedacht habe. Züge Lavals in den Kreon hineinzugeheimnissen – wie viele es wollten – sei spitzfindig, und gar in der ganz undiplomatischen, schwachen kleinen Antigone den Geist des lebensstarken, mit den Waffen der Diplomatie wie der Technik kämpfenden – Maquis zu suchen, sei erst recht abwegig. "Sozial" sei dieses Stück auch nur insoweit, als die Personen keine Privatleute, sondern Angehörige eines Herrscherhauses vorstellen und ihre Handlungen notwendig eine entsprechende Auswirkung auf das Staatsleben ausüben. Nicht ein Kampf politischer Weltanschauungen, sondern der Aufeinanderprall von Individualitäten, das Aufbäumen der Jugend gegen die besseren" Argumente einer älteren Generation, die aus Vernunftsgründen und in dem Bestreben, "Glück" zu stiften, zur Tyrannis greift, das ist das dramatische Problem der Antigone.

Der Dichter Jean Anouilh, der so schlicht seine Gedanken über die Gestaltungsmöglichkeiten seines Werkes zum Ausdruck bringt, stellt mehr dar als nur einen interessanten, liebenswürdigen und überdurchschnittlich begabten künstlerischen Menschen; mehr als nur einen der hervorragendsten Vertreter des modernen französischen Kunstlebens: hier lebt ein Künder europäischen Geistes und für uns Deutsche, die wir heute nur durch die Kunst einen Weg zu dem wahren Gehalt Frankreichs finden können – ein besserer "Botschafter" seines Landes als noch so gescheite Politiker und noch so verständnisvolle Vertreter der Besatzungsmacht. Die Kunst vor allem kann dauerhafte Brücken schlagen!