Die westdeutsche Wirtschaft ist durch verschiedene Verlautbarungen, die sich auf die Demontage bekannter und für die industrielle Entwicklung aller Zonen wichtiger Werke beziehen, in den letzten Wochen in ständige Unruhe versetzt worden. Entfällt schon auf die britische Zone an sich der größte Teil der für Reparationslieferungen in Betracht kommenden Unternehmungen, so verstärken sich die Befürchtungen über die Auswirkungen solcher Maßnahmen noch erheblich, wenn nunmehr Einzelheiten bekannt werden.

Zwar wurde wegen der Stillegung großer Teile des Bochumer Vereins für Gußstahlfabrikation und der Hoesch AG. amtlich mitgeteilt, daß über eine Demontage noch kein Beschluß gefaßt worden sei. Ebenso ist die Lage wohl auch noch in der Schwebe, soweit es sich um die Mannesmannröhren-Werke, Abteilung Großenbaum, den Dortmund-Hoerder-Hüttenverein, die August-Thyssen-Hütte, Duisburg-Hamborn und die Henrichs-Hütte in Hattingen sowie einige andere Werke handelt. Diese in der letzten Zeit stillgelegten Betriebe mußten infolge Kohlen- und Strommangels die Arbeit einstellen. Angekündigt wurde dann zunächst – und später wieder zurückgenommen – die Demontage der Firmen Matthes & Weber, Duisburg, einer der beiden überhaupt nur in der britischen Zone vorhandenen Produktionsstätten für Soda. In der neuesten Demontageliste steht dies Unternehmen jedoch wieder an erster Stelle, dazu die Gutehoffnungshütte Haniel & Lueg, Waldrich (Siegen), Wagner (Dortmund), Rinker (Minden), Hans Moog (Wuppertal), die Chlorfabrik der I. G. Farben in Uerdingen und drei Betriebe der Maschinenfabrik Schieß-Defries in Düsseldorf-Reisholz, -Heerdt und -Oberkassel. Auch die Abwrackung eines der leistungsfähigsten Betriebe seiner Art, des Kupfer- und Drahtwerks Friedrich Kemper, Duisburg, wurde in anderem Zusammenhang genannt.

Was die Firma Krupp in Essen angeht, die zuletzt allein in ihrem Essener Betrieb weit über 100 000 Personen zählte, so sind heute dort von insgesamt 14 000 tätigen Arbeitern nur etwa 3900 mit produktiven Aufgaben beschäftigt, und zwar in der Lokomotivfabrik. Von den Werkanlagen sind die meisten zerstört; die Schadensquote beträgt 80 v. H. Immerhin sind jedoch von fast 12 000 schweren Maschinen noch rund 2000 vorhanden. Diese wurden sämtlich auf Reparationskonto gesetzt. Eine Fortführung des Kruppschen Unternehmens ist weder in privat- noch in gemeinwirtschaftlicher Form beabsichtigt. Pläne, die vor allem von der Stadtverwaltung gern gesehen werden, um wenigstens einen kleinen Ausgleich für den arbeitseinsatz- und etatsmäßigen Ausfall zu finden, sind so lange nicht diskutierbar, als keine Verfügungsmöglichkeit über das Werkgelände besteht, dessen riesigen Trümmerhaufen zu entwirren und aufzuräumen allein schon eine Arbeit von Jahren darstellt.

Bei den für die Demontage nunmehr endgültig genannten Betrieben handelt es sich, wie bemerkt werden muß, um eine erste Liste, so daß mit weiteren Maßnahmen gleicher Art auch noch bei andern Unternehmen zu rechnen ist. Ein endgültiges Bild über die zukünftige Zusammensetzung und Gestalt der Wirtschaft im westdeutschen Raum kann also heute noch nicht gezeichnet werden, wenn auch bereits feststeht, daß stärkste Einbußen hinzunehmen sind. Der Faktor der Unsicherheit bleibt außerdem noch bestehen und erhöht die vorhandenen Schwierigkeiten einer durch Abwarten und Übergangserscheinungen an sich schon überaus undurchsichtigen Situation. sch.