Seit rund anderthalb Jahren schweigen die Waffen, ohne daß darum die Völker den Albdruck losgeworden, wären, in einem undurchsichtigen, gefährlichen und überdies provisorischen Zustand zu verharren. Zwar ist der organisierte Tod gebannt; doch seitdem es darum geht, die Idee des Friedens in die Praxis der Friedensverträge umzusetzen, hallt die Welt von einer beängstigenden Diskussion wider, auf welche Weise und ob überhaupt der noch gar nicht verwirklichte Friede gegen künftige Gefahren zu schützen sei. Es stellt sich heraus, daß der größere Teil der Welt, so einig und instinktsicher er in der Niederkämpfung der faschistischen Friedensbrecher war, nicht so einhelligen, zweifelsfreien Sinnes ist, da es sich darum handelt, durch Grenzziehungen und Verträge den Völkern neue Lebensformen und den in ihrem Wesen erschütterten Menschen eine neue Ordnung zu geben. Es stellt sich auch heraus, und die Geburtswehen der sich ankündigenden neuen Epoche machen es schmerzhaft fühlbar, daß der Friede keine mühelose Frucht des Sieges ist, sondern eine neue schwere Aufgabe.

Mit beträchtlicher Belastung geht die Menschheit an sie heran: es kann nicht wundernehmen, daß ein so langwieriger und entsetzlicher Krieg Erbteile hinterläßt, die sich nicht von heute auf morgen unwirksam machen: lassen. Neue Waffen sind erfanden worden, die durch ihr bloßes Vorhandensein eine Gefahr bedeuten und die Menschen erschauern lassen; vielleicht hat mit der Atombombe die Zerstörungswissenschaft noch nicht ihr letztes Wort gesprochen, denn Molotow deutete in grauenhafter Perspektive an, daß auf Atombomben mit "noch Schlimmerem" geantwortet werden könne. Der Nationalismus grassiert, geweckt durch den Überheblichkeitswahn der Achsenmächte, und stemmt, sich gegen die höhere Vernunft der Völkergemeinschaft. Und seitdem Soldaten und Politiker, um den Erfolg des Krieges zu sichern, abseits und weit vorausliegende Positionen bezogen haben, geht auch das Gespenst der "Einflußsphären" wiederum.

Das Aktivum in der Friedensrechnung, das gewaltige Gegengewicht dieser Belastungen, hat Präsident Truman allen Mitgliedern der UN bei seiner Eröffnungsansprache in New York vor Augen gehalten; indem er lapidar erklärte: Kein Volk will Krieg! Keine Regierung darf diesen Willen mißachten Er zählte nochmals die vier Freiheiten auf, die die Grundlage des Friedens bieten sollten, die Freiheit der Rede, und der Religion, die Freiheit von Not und von Furcht, und besonders über den letzten Punkt, über die tötliche Furcht vor Kriegen, verbreitete, er sich mit nachdrücklichem Ernst. Die Völker der Welt wüßten, so sagte er ebenfalls, daß es keinen wahren Frieden ohne Gerechtigkeit für alle geben könne – Gerechtigkeit für die kleinen wie die großen Nationen. Die ungewisse "tötliche Furcht" umfaßt also, wie man schließen darf, auch eine ganz bestimmte und begründete, nämlich die Furcht vor einer Lücke in der Gerechtigkeit. Die Nationen haben es leider an sich, daß ihre Auffassung von Gerechtigkeit bei der Darlegung eigener Angelegenheiten sich oftmals merkwürdig mit ihren Interessen deckt.

Die Satzung der UN verpflichtet jedes Mitglied gesetzlich und moralisch, Frieden zu halten, und hat damit die Clausewitzsche Behauptung, daß der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, in das historische Museum verwiesen. Von den meisten Staaten droht wohl zurzeit keine Gefahr, und eine kleinere Macht, mit der die Leidenschaft durchzugehen droht, ließe sich baldigst zurückpfeifen; dazu bietet die enge Verflechtung des internationalen Lebens hunderterlei Handhaben. Tatsächlich sind es auch nur drei Mächte, auf die es in der letzten Entscheidung ankommt, und deren zähes Ringen um Machtabgrenzung und Rechtsklärung in der Hauptsache daran schuld ist, daß die tötliche Furcht in der Welt sich am Leben hält. "Die Erhaltung des Friedens liegt in den Händen der USA, der Sowjetunion und Großbritanniens", sagte kurz und bündig der Lordpräsident des Thronrates, Morrison. Und wenn der "Observer" in Hinblick auf die besonders Zugespitzte Kontroverse zwischen Rußland und Amerika von den beiden "einsamen Giganten" sprach, so dürfen wir getrost den dritten hinzurechnen – von den drei Großen hängt das Schicksal der Menschheit ab.

Das Treffen der Außenminister in New York wurde vorbereitet durch eine internationale Diskussion, in der es von Verdächtigungen, Beschuldigungen und Zurückweisungen wimmelte. Wenn man nicht wüßte, daß der Ton der Völker untereinander sich seit dem ersten Weltkrieg geradezu barbarisch vergröbert hat, könnte einem angst und bange werden. Es werden Dinge laut, die in gesitteten und mehr auf Form bedachten Zeiten unweigerlich den Abbruch der Beziehungen, wenn nicht Ärgeres, zur Folge gehabt hätten. Schließlich war es nötig, daß die Verantwortlichsten selbst das Wort ergriffen um abzuwiegeln, um dem von – so viel Drohung verschüchterten Friedensengel den Rücken zu steifen. Von ihren Versicherungen mag uns die englische die beruhigendste sein, gerade weil sie in ihrer pedantischen Vorsicht auch die britische Verläßlichkeit atmet. Es besteht "keine" unmittelbare Kriegsgefahr", das ist Bevins Urteil.

Die Gerüchte sind damit jedoch nicht zum Schweigen gebracht, die Furcht gebiert sie immer neu. Die russische Behauptung, es seien in der übrigen Welt Kriegshetzer und -interessenten am Werk, um mit Hilfe des Gerüchts den Frieden zu erwürgen, scheint uns irrig. Die Furcht ist Erklärung genug, auch die Furcht vor dem schwer zu begreifenden "einsamen Giganten" im Osten.

Nichts ist geeigneter, Gespenster zu bannen, als neues Licht zu machen. Der dritte Weltkrieg – Was soll man sich eigentlich darunter vorstellen? Erwägen wir doch einmal, die Westmächte und Rußland schritten zu einer militärischen Auseinandersetzung. Wäre sie möglich und hätte sie überhaupt: einen Sinn? Die Vorstellung des Mannes – gut der Straße von diesem dritten Weltkrieg wird stimmt durch die Erfahrungen, die er aus dem zwei vergangenen gewonnen hat: Gewaltanwendung bis zur Vernichtung, Kapitulation, Besetzung des besiegten Landes und neue Ordnung. Be der Entfernung jener Zentren voneinander, aus denen der Krieg seine Kräfte zieht, ist eine totale Erledigung des einen durch den andern kaum denkbar. Die Besetzung des einen Landes durch die Truppen des siegreichen – wodurch allein die Unterwerfung endgültig gemacht werden kam – ist bei der gewaltigen Ausdehnung der Kontrahenten ausgeschlossen. Und nach der Anwendung von Atombomben und – dem "noch Schlimmeren" Molotows ist der Gedanke einer Neuordnung mehr als fragwürdig. Der Dritte Weltkrieg würde ein Krieg ohne Ende sein, also allgemeiner Untergang. und die Diktatur des Todes über versprengte Haufen von Desperados, die um jeden Sinn ihres Tuns gebracht wären. Das weiß man hüben wie drüben. So grausig die Perspektive ist, so stark wirkt sie als Friedensstütze. "Sowjetrußland will keinen Krieg, Amerika will keinen Krieg, und ich wünschte, daß man mit dem Kriegsgerede Schluß macht", erklärte Senator Vandenberg. Das ist genau der Schluß, zu dem ein verantwortangs-– bewußter Mann auch ohne großes Bemühen seiner Phantasie kommen muß.