Wohl niemals hat eine Stimme aus dem deut-– – schen Elend rührender gewirkt als die der Hufe Sevenich, die an das englische Hauptquartier schrieb: "Sollen wir schweigen, wo die Steine schreien müßten?" Sie trat in Hungerstreik. Sie begann am 30. Oktober ihre radikale Fastenzeit, Ihre Demonstration des großen Mitleids, ohne dabei ihre politische Arbeit in den Reihen der CDU zu unterbrechen. Sie hatte sich zum Verzicht auf Jegliche Nahrung entschlossen, um die Besatzungsmacht zu bewegen, dem deutschen Elend gründlicher, als es bisher geschehen, Einhalt zu gebieten, so gründlich, und so schnell, wie dies notwendig ist. Ein Mensch, der das Grauen der Gestapolager kennengelernt hat, eine Frau, die also weiß; was es heißt: zu leiden, trat den Schmerzensweg den radikalen Hunger an, da sie glaubte, auf diese Weise beitragen zu können; daß sich die große, allgemeine Hungersnot wenden möge – gibt es ein größeres Opfer? Ihre Parteifreunde, besorgt um das Schicksal Maria Sevenichs, verehren sie – so hört man – um der Selbstlosigkeit ihres Entschlusses willen, betonen aber, daß ihr Verhalten nicht der Haltung ihrer Partei entspricht. Wo liegt der Irrtum Maria Sevenichs, wenn es hier einen Irrtum gibt?

Maria Sevenich hat in ihrem Schreiben an das britische Hauptquartier das Beispiel Gandhis erwähnt. Dies geschah, um ausdrücklich den Unterschied im Zweck des Hungerstreiks festzustellen, der für Gandhi eine Kampfansage an England, für Maria Sevenich jedoch eine Demonstration des Mitgefühls mit allen Hungernden war, zudem eine Bitte an die Besatzungsmächte, Mitleid zu haben mit dem hungernden deutschen Volk. In der Freiwilligkeit aber, den Hunger zu erdulden, scheinen beide Beispiele gleich, das Beispiel Gandhis und das Maria Sevenichs. Und dies ist der Punkt, wo der Irrtum liegt.

Der Hungerstreik Gandhis hat Aufsehen in der Welt erregt, wann immer der indische Freiheitskämpfer ihn anwandte. Wie die Welt ihn sah, war etwas Unheimliches um ihn, den kleinen mageren Überwinder der Lebensnotdurft. Erschauernd las man, was er zu sich zu nehmen pflegte, wenn erhungerte: 565 Gramm stark gezuckerten Zitronensaft, 56 Gramm pulverisierten Zitronensaft und fette Ziegenmilch. Wenig Nahrung, gewiß, aber eine beträchtliche Menge Kalorien. Viele von uns wußten damals nicht, was eigentlich Kalorien seien. Heute scheint es, daß Gandhis Hungerrationen mehr davon enthielten als die "Mahlzeiten", die heute der Bevölkerung in Westdeutschland gewährt werden ... Wenn also Gandhi das Vorbild gab, den Hungerstreik als politisches Mittel einzuführen – gleichgültig in welcher Absicht –, dann hat Maria Sevenich es ihm darin schon gleichgetan, als sie noch die Rationen aß, die ihr die deutsche Lebensmittelkarte zubilligte.

Lange Zeit war – soviel steht fest – auch das Hungern den Gesichtspunkten der Relativität unterworfen. Vor Jahren hat eine Gruppe von Studenten der Universität Minnesota Hungerexperimente auf die Zeit von mehreren Monaten unternommen, um Ausfalls- und Verfallserscheinungen zu studieren. Ergebnis: Blutmengen Verlust von 10 v. H., Sinken des Pulsschlags auf 35, Gewichtsverlust von 22 v. H., allgemeine Lethargie, mangelndes Interesse an Unterhaltung und Frauen. Man hatte offenbar die untere Grenze erreicht und beeilte sich, den Körper wieder "aufzupäppeln". Wie viele Kalorien hatten die Studenten zu sich genommen, während sie hungerten? 1600 Kalorien täglich! Und das waren junge, gesunde Männer, die nicht schon sechs entbehrungsreiche Jahre hinter sich hatten!

Gandhi hat oft gehungert. Was hat er erreicht? Was könnte er erreicht haben, da neue Meldungen sagen, daß er schon wieder hungert? Was kann Maria Sevenich erreichen? In einem Vom Nihilismus bedrohten Deutschland haben wir Grund zu fürchten, Idealisten zu verlieren, wenn sie, wie Maria Sevenich, mehr hungern als sie ohnehin schon, hungern müssen. Wir brauchen die lebenden Idealisten, nicht die hungerkranken, hungertoten. Das ist der Irrtum Maria Sevenichs. J. M.