Wie das Gesicht der Dritten Republik durch die Freimaurer bestimmt wurde, so das der Vierten durch die Gewerkschaften, bemerkte kürzlich der "Economist". Diese Formulierung ist zwar überspitzt, kennzeichnet aber zutreffend die Erhöhung des Einflusses der französischen Gewerkschaften, Confederation Générale du Travail (CGT). Diese weisen außerdem unter den Gewerkschaften aller Länder und unter den politischen Institutionen Frankreichs seit dem Ende des Krieges wohl die stärkste Strukturwandlung auf.

Die CGT besagte bis 1936 nicht viel, im Vergleich zu den Gewerkschaften anderer kapitalistischer Staaten praktisch nichts. Gewerkschaftlich organisiert waren vorwiegend Kohlenarbeiter, Eisenbahner, Lehrer und Beamte, insgesamt etwa eine Million bei acht Millionen Beschäftigten in Industrie und Handel. Die Gewerkschaften bekannten sich zu den in Amiens 1905 niedergelegten Grundsätzen der politischen und religiösen Neutralität und strebten mit gewerkschaftlichen und syndikalistischen Mitteln, wie denen des Streiks, eine radikale politische und wirtschaftliche Neugestaltung an. Als.-1936 die Volksfront die Regierung bildete, stellten sich die Gewerkschaften auf die Erringung von Nahzielen, ein reformistisches. Programm der Kaufkrafterhöhung und Arbeitsbeschaffung, um. Sie entfalteten eine umfangreiche Propaganda und konnten ihren Mitgliederbestand in kurzer Zeit auf den jetzigen Stand von etwa fünf Millionen erhöhen, erwiesen sich aber bald als ein Koloß auf tönernen Füßen.

Ihre Schwäche zeigte sich nach der deutschen Besetzung. Die Gewerkschaften zerfielen praktisch. Maßgebliche Führer wie Belin stellten sich, von den alten pazifistischen und syndikalistischen Doktrinen ausgehend, Vichy zur Verfügung, machten die korporative Politik Pétains mit und suchten eine Zusammenarbeit mit deutschen Stellen. Nur verhältnismäßig wenige gingen in die Widerstandsbewegung Die meisten standen neutral abseits, paßten sich den jeweiligen Gegebenheiten an und warteten ab, was die Welt noch an Überraschungen bieten würde.

So war es für die aktiven Kräfte der Widerstandsbewegung etwas Leichtes, die Gewerkschaften zu erobern. Diese aktiven Kräfte waren und sind die Kommunisten unter Führung von Frachon. Dieser jetzt 53jährige ist seit 1944 der maßgebliche Mann der französischen Gewerkschaftsbewegung, während die führenden Leute der Vorkriegszeit, wie Léon Jouhaux, eine mehr dekorative Stellung einnehmen. Die Ausschaltung der alten Bürokratie durch die Kräfte der Widerstandsbewegung soll mit nicht immer ganz fairen Methoden vor sich gegangen sein; Ob das stimmt, kann der Außenstehende schwer nachprüfen, ist aber relativ gleichgültig, denn über das Entscheidende bestehen keine Meinungsverschiedenheiten. Dies Entscheidende ist, daß-die breite Masse der Arbeiter der kommunistischen Führung immer wieder ihr volles Vertrauen ausgesprochen hat, die kommunistische Leitung der Gewerkschaften somit anerkannt ist. Die CGT ist damit eine Stütze und ein Instrument der Kommunistischen Partei.

Die CGT als Stütze einer Partei, das ist eine erhebliche Wandlung gegenüber der Vorkriegszeit. Unabhängigkeit und Neutralität gegenüber den Parteien war für die französischen Gewerkschaften vor dem Kriege nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern ein entscheidender Grundsatz. Daraufberuhte zum Teil die Stellung der Gewerkschaften. Die politischen Aufgaben der Arbeiterklasse interessierten damals wenig, standen grundsätzlich bei den Gewerkschaften nicht zur Debatte, wenn auch bekannt war, daß die maßgeblichen Gewerkschaftler zur sozialistischen Bewegung gehörten, und wenn auch zwischen – den sozialistisch und den kommunistisch eingestellten Gewerkschaftlern oft erbittert gekämpft wurde. Heute Sind die Gewerkschaften eindeutig aufweinen politischen Glauben festgelegt, auf die kommunistische Lehre.

Als kommunistische Gewerkschaftsbewegung hat sich die CGT nun aber nicht etwa auf ein revolutionäres Programm festgelegt, sondern auf ein Programm, das man eher als ein konservatives bezeichnen könnte. nämlich ein Programm der Produktionserhöhung. Die kommunistische Führung der französischen Gewerkschaften hat den Wiederaufbau der französischen Wirtschaft nicht nur nicht durch radikale Forderungen gestört, sondern durch eine nationale Lohn- und Produktionspolitik und insbesondere durch Arbeitsfrieden gefördert. Streiks sind eine Ausnahme geblieben. Die Lohnforderungen der Massen, wurden von der Führung meistens nicht nur nicht bereitwillig übernommen, sondern wesentlich gemildert. Auch Gegner der Gewerkschaftsbewegung bezeichnen es zu einem Wesentlichen: Teil als ein Verdienst der Gewerkschaften, wenn die französische Wirtschaft in verhältnismäßig kurzer Zeit wieder einigermaßen, auf die Beine gebracht werden könnte.

Die französischen Gewerkschaftsführer rechtfertigen diese nationale Lohn- und Produktionspolitik damit, daß sie für sozialistische Ziele und für die Freiheit kämpfen, wenn sie heute, wo überall Gefahren drohen, für eine Erhöhung der Produktion eintreten, denn so kommen sie ihrem endgültigen Ziel, dem Sozialismus, näher. Die französischen Gewerkschaftsführer wollen also im Interesse eines sozialistischen Fernzieles die Verantwortung für den wirtschaftlichen Wiederaufbau Frankreichs übernehmen. Das ist für sie praktischer und französischer Leninismus. Die damit gegebene Forderung auf ein entscheidendes Mitgestaltungsrecht bei dem Wiederaufbau Frankreichs ist allgemein anerkannt worden. Es ist undenkbar, daß wichtige Beschlüsse ohne Hinzuziehung der Gewerkschaften oder gar gegen ihren Einspruch gefaßt werden. Die CGT ist heute die machtvollste außerparlamentarische Institution Frankreichs, ja sie ist ein Staat im Staate.