Von Johann Albrecht v. Rantzau

I.

Es zeichnet Friedrich Meinecke vor den deutschen Historikern von heute aus, daß er wie kein anderer Entschiedenheit und Maß verbindet. Die Vereinigung dieser geistigen Eigenschaften läßt ihn berufen erscheinen, als erster in großen Linien zu den Ereignissen der Jahre 1933 bis 1945 sowie zu ihrer Vorgeschichte das Wort zu ergreifen. Auf der einen Seite kennzeichnet er das Dritte Reich als ein in unlöslicher Verschmelzung zugleich verbrecherisches und irrsinniges Unternehmen: Anderseits versteht er das nationalsozialistische Experiment aus seiner Verwandtschaft mit Strömungen des 19. Jahrhunderts, begreift es aber auch in Seiner Verschiedenheit gegenüber den Kräften und Traditionen der deutschen Geschichte.

Die entschlossene Bewertung oder vielmehr Verwerfung der jüngsten deutschen Vergangenheit kommt in seinem neuesten Buch "Die deutsche Katastrophe", Eberhard-Brockhaus-Verlag, Wiesbaden, 1946, auf das nachdrücklichste zu Wort. "Das Dritte Reich war nicht nur das größte Unglück, das dem deutschen Volk in seiner Geschichte widerfuhr, sondern auch seine größte Geschichte Die deutsche Katastrophe, von der also der vorliegende Versuch handelt, sieht Meinecke im Triumph des Nationalsozialismus des Jahres 1933 und nicht etwa – wie mancher Deutsche vielleicht noch denken möchte – im militärischen Zusammenbruch von 1945. Jeder, der seit 1932 Gelegenheit hatte, die Ansichten des ehrwürdigen Historikers in regelmäßigen Abständen aus seinem Munde zu hören, wird es bestätigen, daß diese seine Überzeugung niemals gewankt hat. Für Meinende ist Sie Herrschaft des Nationalsozialismus das schaume Ergebnis des Prozesses, den um die Mitte des (vorigen Jahrhunderts Grillparzer mit der Aneinanderreihung der Begriffe Humanität – Nationalität – Bestialität vorausschauend andeutete. Zweifellos denkt Meinecke, der diesen lapidaren Ausspruch Grillparzers zweimal anführt, über den Nationalismus und die ihm innewohnenden Gefahren heute, am Ende des zweiten Weltkrieges, pessimistischer als seinerzeit in "Weltbürgertum und Nationalstaat", welches er vor Ausbruch des ersten Weltkrieges veröffentlichte und mit dem er feinen Ruhm begründete. Damals stellte er, um es kurz zu sagen, dem Ethos der Goethezeit das Ethos der Bismarckzeit als andersartig, aber gleichfertig gegenüber Jetzt ruft er Prophezeiungen Jakob Burckhardts ins Gedächtnis, der aus den Belegungen des vorigen Jahrhunderts-die düsteren, Bus nationalem oder sozialem Idealismus nicht mehr zu erklärenden Machtmenschen unserer Zeit aufzeigen sah. So erkennt denn auch Meinende die Machthaber des Nationalsozialismus weder als überzeugte Nationalisten noch auch als Imperialisten an; er sieht sie richtig gekennzeichnet in Rauschnings "Revolution des Nihilismus"; zumal im Zusammenbruch des Frühjahrs 1945 offenbarten sie sich ihm als selbstsüchtige und gewissenlose "Kätilinarier"; denen die Nation und ihr Schicksal nichts, ihre persönliche Macht alles bedeutete. Die Herrschaft dieser katilinarischen Machtmenschen, wie wir sie zwölf Jahre lang erlitten, empfand Meinende als eine "innere Besetzung" weit gefährlicher für das deutsche Volk als die "äußere Besetzung", die wir jetzt erleben, da sie zur Korruption des ganzen deutschen Volkskörpers führen mußte.

II.

Zur Beurteilung des Nationalsozialismus tritt der Versuch seiner historischen Erklärung, Nur einer zugleich so energischen und behutsamen Durchdringung des europäischen und des deutschen 19. Jahrhunderts konnte es gelingen, den Zusammenhang der Hitler-Herrschaft mit der Vergangenheit aufzuzeigen und dabei doch die Betrachtung freizuhalten von jenen heute oft gehörten vergröbernden Geschichtsklitterungen, die das jüngst Erlebte dem Wesen und Wert nach gleichsetzen wollten mit den gestaltenden Kräften unserer nationalen Geschichte.

Meinende unterscheidet zwischen den allgemeinen, auch außerhalb Deutschlands vorhandenen Vorbedingungen für den Nationalsozialismus und den spezifisch deutschen Ursachen. Die allgemein wirksamen Kräfte sind der Nationalismus und der Sozialismus, die Meinecke die beiden bewegenden Wellen des 19. Jahrhunderts nennt. Diese beiden Kraftströmeentstanden getrennt. Im 19. Jahrhundert standen sie sich feindlich gegenüber. Immerhin tauchte schon damals der Gedanke auf – in Deutschland in Friedrich Naumanns national-sozialer Bewegung – sie zu vereinigen. Und Meinecke billigt in einem späteren Abschnitt seines Buches Hitler insofern einen Anteil an einer großen Idee unseres Zeitalters zu, als er es erneut versuchte, den Sozialismus mit dem Nationalismus zu versöhnen.