Erich Ebermayer hat in seinem Artikel "Der freie Verteidiger" in Nr. 37 der "Zeit" vom 31. Oktober 1946 dargelegt, daß die Freiheit des Anwalts Voraussetzung seiner Würde sei Der Anwalt, der im Strafprozeß einen Angeklagten vertritt, ist nicht mehr der Vertreter der Interessen des Angeklagten. Er findet seine Aufgabe im Recht: nämlich dafür zu sorgen, daß auch dem Schuldigen kein Unrecht geschieht und darüber zu wachen, daß auch gegenüber der Allgewalt des Staates das Recht des Individuums gewahrt bleibt.

Viele Zuschriften unserer Leser haben bewiesen, daß sie mit dieser Auffassung übereinstimmen. Indes hat eine Nachprüfung ergeben, daß die Voraussetzungen, von denen Erich Ebermayer ausging, sachlich nicht zutreffen. Die in der deutschen Presse allgemein verbreitete Nachricht, die Anwaltskammer in Köln habe vorgeschlagen, die Anwälte der Nürnberger Angeklagten "wegen ihrer Verteidigungsführung einer politischen Untersuchung zu unterziehen", war unzutreffend. Lediglich ein Kölner Anwalt hat bei dem Vorstand der Kölner Anwaltskammer den Antrag gestellt, es möge eine solche Untersuchung herbeigeführt werden. Weder die Anwaltschaft Kölns noch die deutsche Anwaltschaft ist für den Unverstand eines einzelnen ihrer Berufsgenossen verantwortlich. Mit Recht haben deshalb die Kölner Anwaltskammer und die Vereinigung der Vorstände der Rechtsanwaltskammern der britischen Zone gegen die allgemein veröffentlichte Nachricht Einspruch erhoben.

Wir freuen uns um so mehr, dieses feststellen zu können, als der Fall bereits in der internationalen Presse mit Kommentaren erörtert wurde, die nicht nur das Ansehen des deutschen Anwaltstandes, sondern unser aller Ansehen herabzusetzen drohten.

G. B.