Von Kurt Lütgen

Nicht weil irgendein "Gedenktag" es nahelegt, soll dieses Bildnis eines Menschenfreundes versucht, werden, sondern weil Not und Elend unserer Zeit dazu auffordern, Trost und Hilfe da zu suchen, wo sie aus echten Quellen fließen. Es handelt sich um Johann Friedrich Oberlin, der von 1767 bis 1826 Pfarrer im elsässischen Steintal war,

Er war 27 Jahre alt, als ihn der Ruf erreichte, der sein Schicksal formen sollte. Seine Herkunft aus einer Patrizierfamilie, eine vielseitige und weltläufige Erziehung und frühzeitig sichtbare Gaben als Kanzelredner hatten den Theologiestudenten zwar auf den gebahnten Weg zu einer behaglichen Pfarre in seiner Vaterstadt gewiesen, und anfangs schien er sich dieser sanften Führung auch bereitwillig fügen zu wollen. Plötzlich jedoch bricht er aus und beginnt ein spartanisch schlichtes Leben – und das alles nur, weil ihn die seelische Not der zum Kriegsdienst gepreßten Soldaten, ihr wildes, verzweifeltes Leben tief berührt hat. Um ihnen Freund und Helfer sein zu können, ist er nunmehr entschlossen, Feldprediger zu werden. Dessen erste Tugend aber, meint er, müsse sein, daß er den Strapazen des Feldlebens ebenso gewachsen sei wie sie. Die zweite Tugend, die er zu diesem Behufe von sich fordert, ist die, nicht nur der Seele, sondern auch dem Leib zu helfen: so läßt er sich von einem Chirurgen unterweisen, damit er die Wunden derjenigen zu pflegen vermag, deren Seelen seiner Obhut anvertraut werden.

Helfen, hilfsbereit sein: darauf lag in seinem Denken und Tun ein nachdrücklicher Ton. Und diesem Ton folgte er, als ihn der Ruf erreichte, der sein Schicksal für immer bestimmen sollte: der Ruf, eine verwilderte, in Verzweiflung und bitterster Armut versunkene Gemeinde in einem abgelegenen, als Felsenwüste verschrienen Gebirgstal zu übernehmen. Als man ihm sagte, daß nur ein an Einfachheit und Armut Gewöhnter dort helfen könnte, nimmt er an. Erst 27 Jahre war er alt.

Was ihn in seiner neuen Gemeinde empfing, war schlimmer, als er es sich je auszumalen vermocht hätte: die meisten Bewohner hausten in Erdhöhlen und jämmerlichsten Hütten; Hunger, Krankheit und Stumpfsinn hingen wie fressende Dämonen an ihren Körpern und Seelen; Verzweiflung und Gleichgültigkeit, Haß und Aberglaube glosten in Hirnen und Herzen wie lähmendes Gift. Von Gott und den Menschen verlassen: so fühlten sich die Bewohner dieses Gebirgstals, und kaum einer schöpfte aus der jungen Erscheinung des neuen Pfarrers eine – wenn auch noch so zage – Hoffnung.

Doch den neuen Pfarrer machte dieser fast feindselige Empfang keineswegs mutlos. Er sah ein, daß man diesen Menschen nicht allein mit der Verkündigung Gottes helfen konnte. Der Hunger mußte gebannt, die Krankheit verscheucht, das Wohnungselend besiegt, die Herzensträgheit, die einen des andern Feind sein ließ, überwunden werden! Aber was tun? Der Feudalherr, dem die Gemarkung gehörte, war weit und ohne Interesse. Kein Wunder, daß seine Gemeinde einen Narren in ihm sah, als der Pfarrer von seinen Plänen sprach! Es dauerte denn auch zehn Jahre, bis die Äcker so gut bestellt wurden, daß sie alle satt machten, bis durch Heimarbeit, die er seine Schutzbefohlenen lehrte, so viel Geld in die Gemeinde kam, daß eine Schule und neue Wohnhäuser erstehen konnten. In zehn Jahren hatte er die lähmende Verarmung und Verschuldung seiner Bauern gebrochen, ihre Hände zu handwerklicher Geschicklichkeit geübt, ihre Hirne zu klaren Zielen erzogen, ihre Herzen zu Hilfsbereitschaft aufgelockert. In zehn Jahren voller Sorge hatte er das Elend in die Flucht geschlagen, und seine Pfarrkinder nannten ihn jetzt schon, obwohl er die Vierzig noch nicht erreicht hatte, "Vater".

Das Geheimnis seines Wirkens war nichts anderes als sein unerschütterliches Gottvertrauen und seine nie versagende Arbeitskraft. Da er sich nicht scheute, stets als erster, anzupacken, so riß er alle zur Mitarbeit mit. Begann man den Bau einer Brücke oder einer Schule – mühsam, zäh und geduldig hatte er zuvor das Geld dafür bei Freunden erbettelt und erborgt –, so war er der erste, der Steine zum Bau trug. Er probte neue Kartoffel-, Obst- und Gemüsesorten in seinem Garten aus, die für das kalte Hochtal sich eigneten. Weben, Stricken, Körbeflechten, Holzgeräte schnitzen: er lernte diese Künste, um sie an seine Gemeinde weiterzugeben. Er war nicht nur Seelsorger und Berater, sondern auch Arzt der Gemeinde, und kein Weg dünkte ihn zu weit, kein Wetter zu schlecht, wenn es-galt, einem Kranken zu helfen.