In dieser Spielzeit wird sich vermutlich herausstellen, daß es in Hamburg eine Bühne gibt, zu deren Aufführungen zu pilgern sich nicht nur füt die Bewohner der umliegenden Dörfer, sondern auch der umliegenden Großstädte löhnt. Es ist die Staatsoper, die mit zwei Premieren ahnen ließ, welch glücklicher Stern über ihr waltete, als sie ihre künstlerischen Geschicke in die Hände Dr. Günther Rennerts legte.

Vor kurzem hat Günther Rennert – gleichsam, um ohne viel Aufhebens seine Visitenkarte abzugeben – „Die Italienerin in Algier“ inszeniert, jene Oper, die beim großen Publikum, ebenso unbekannt ist, Wie ihre Ouvertüre beliebt ist bei allen fürs vierhändige Klavierspiel prädestinierten höheren Töchtern, die Spieloper jenes Rossini, den Beethoven voll Unmutes über den soviel Erfolgreicheren den „Triolen Hengst“ genannt hat. Wie prächtig aber galoppierten diese Triolen, da Dr. Schmidt-Isserstedt mit leichter, elektrisierender Hand die musikalischen Zügel lenkte! Antiromantiker von Geblüt und modern bis in die Fingerspitzen, enervierte er die Partitur mit der ganzen rhythmischen Kraft und mit der von Intellekt gesteuerten Röntgen-Klarheit, die ihn unter vielen ausgezeichneten deutschen Dirigenten besonders auszeichnen, so daß alles Konventionelle zerstob wie Spreu vor frischem Winde. Damit ist zugleich fast alles über Rennerts vorbildliche Regie gesagt, die aus der Not von heute – wenn wir die Tatsache, daß die Belkanto-Sänger auf all unseren Bühnen fehlen, eine „Not“ nennen wollen – eine Tugend machte: nämlich ein lebendiges, gelöstes Spiel, das seine Impulse allein aus der Musik zog.

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Es bleibt aber wahr, daß jede wirkliche Bühnenkultur danach beurteilt werden muß, im welchem Umfange das zeitgenössische Schaffen einbezogen wird, und sei es um das Wagnis des Experimentes! Die Staatsoper hat einen so klugen wie vorsichtigen und – mühevollen Weg beschritten: sie verweist das Experiment in die Sonntagsvormittagsstünden und führte so im Rahmen einer Matinee dieselbe Geschichte vom Soldaten“ auf, die Monate zuvor vom Spielplan der Düsseldorfer Bühne vorm Unmut des Publikums weichen mußte.

Ein Homo novus unter den Bühnenbildnern, nämlich der feinsinnige Maler Alfred Mahlau, hatte die Szene entworfen. Rechts saß der Vorleser, ein. modern konferierender Märchenerzähler mit Baskenmütze und modischem Schnurrbart (der packende Sprecher Eduard Marks); links – ganz wie Strawinsky es wollte – saßen die sieben Musikanten, die das ganze Orchester bilden, sichtbar vor allem Volke, der musikalische Opernchef Ewald Lindemann, angetan mit Knickerbocker-Hosen, vor ihnen auf einem Faß thronend. Hier nun, in solch vorbestimmter Beschränkung der Mittel, zeigte sich die Regiekunst. Rennerts von der besten Seite. Wird in den Szenen des bäuerlichen Soldaten mit dem Teufel auch nicht ein Wort gesungen, so war es doch Opernregie insoweit, als sie von der zentralen Kraftquelle der Musik Strawinskys Sprech- und Bewegungsrhythmus bezog, die sogar dort nachhallte, wo die Instrumente schwiegen. Ewald Lindemann hatte die ungemein schwierige Partitur mit offensichtlicher Liebe und Strenge einstudiert: sie wirkte in ihrer Mischung von erregender Rhythmik scheinbar naiver Melodik, raffinierter Polyphonie und kühner Harmonie zo überzeugend, daß man geneigt war, sich zu fragen, wieso dieses für die moderne Musikentwicklung so bahnbrechende Werk jemals mißverstanden werden konnte. Jedenfalls, das Experiment gelang so gut, daß der geradezu demonstrativ anhaltende Beifall die Staatsoper bestimmen sollte, die „Geschichte vom Soldaten“ in den Abendspielplan aufzunehmen.

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Das Neue, das mit Thorton Wilders „Kleiner Stadt“ heraufkam, ist nicht so sehr die Gestalt des Spielleiters auf der Bühne: wir fanden ihn schon als Räsoneur im alten französischen Theater und sahen ihn soeben als Erzähler in der „Geschichte vom Soldaten“, wie er als „deus in machina“ in den Gang der Handlung eingriff. Das auffällig Neue sind das spartanisch karge Bühnenbild und die bloß gemimten Hantierungen der Schauspieler. Wenn Mrs. Gibbs bügelt, so hat sie unter ihren Händen kein Wäschestück und kein Eisen.