In den Nachkriegshoffnungen der Deutschen hatte Holland seinen festen Platz. Es war der Platz eines guten Nachbarn von jahrhundertelanger Bewährung. Mit Ausnahme des Überfalls Hitlers vom Mai 1940 und der vier Jahre der Besetzung haben sich deutsche und holländische Wege nie feindlich gekreuzt, denn auch im Westfälischen Frieden, der unser beider Grenzen schuf, waren Wir nur Objekt. in diesem Lande erblickten wir eine der maßvollen und friedlichen Mächte des Kontinents, die dem Gedanken gewaltsamer Gebietserweiterung ebenso abgeneigt war wie der Versuchung, Eingriffe in fremde Hoheitsrechte zu erstreben. Es scheint, daß wir von diesem Holland jetzt Abschied nehmen müssen. Sein Bild wird zerstört durch die Anmeldung jener Forderungen, die in der holländischen Note an die vier Großmächte jetzt gegenüber Deutschland erhoben werden. Sie verraten nichts mehr von dem Geist der jahrhundertealten Nachbar- und Handelspartnerschaft, dafür zeigen sie Züge jenes Versailler Denkens, das schon nach dem ersten Weltkrieg den künftigen Frieden so unheilvoll vorbelastete. Gewiß, daß dies alles möglich geworden ist, wurde äußerlich eine Folge unseres Angriffs vom Jahre 1940. Aber der Versuch; die heutigen Forderungen Hollands mit dem Recht auf Reparationen zu erklären, trifft nicht den vollen Sachverhalt. Niemand in Deutschland wird Holland dieses Recht bestreiten wollen. Niemand aber wird anerkennen, daß Reparationen in Gebietsabtretung gen, im Verlust deutschen Grund und Bodens anstatt in Leistungen bestehen müssen, oder daß sie eine künftige wirtschaftspolitische Rechtshoheit aufheben dürfen. Niemand überdies wird eine Grenzziehung anerkennen können, die gegen den Willen der Bevölkerung und damit gegen den Grundsatz der Atlantic-Charter verstößt Alles dies aber bedeuten die holländischen Forderungen.

Die Angliederung von 1750 Quadratkilometer deutschen Gebietes wird zwecks „Grenzverkürzung“ gefordert. Unter den beanspruchten Gebieten befindet sich nicht ein einziges, das nicht von einer rein deutschen Bevölkerung bewohnt würde. Die holländische Wendung von „in der Mehrzahl Deutschen“ ist irreführend und täuscht eine, holländische Minderheit vor, die noch kein Kenner des dortigen Gebietes uns bestätigen konnte. Die Bevölkerung des Kreises Bentheim hat ihren deutschen Charakter und ihren Wunsch, bei Deutschland zu verbleiben, gerade dieser Tage öffentlich zum Ausdruck gebracht. Die Atlantik-Charter würde eine Annexion von Gebieten gegen den ausdrücklichen Willen der Bevölkerung ausschließen. Die Erdölinteressen Hollands, die den deutschen Bohrungen bei Emlichheim gelten, bilden kein ausreichendes völkerrechtliches Gegenargument. Nicht minder angreifbar ist der Anspruch auf Borkum. Die angebliche militärische Bedeutung dieser Insel wurde während des letzten Krieges durch nichts besser widerlegt als die Tatsache, daß Borkum nicht einen einzigen britischen Luftangriff erlebte und die Batterien auf Borkum niemals in Tätigkeit getreten sind. Wichtig ist etwas ganz anderes. Die Tatsache nämlich, daß die einzige für Schiffe passierbare Fahrrinne in die Nordsee von Borkum aus scharf nach Westen abbiegt und eine Umschiffung Borkums von Osten nicht möglich ist. Borkum blockiert daher die Ausfahrt aus der Ems, und dies bedeutet, daß die gesamte deutsche Schiffahrt aus der Emsmündung nach einem Besitzwechsel Borkums den Weg durch holländisches Hoheitsgebiet würde nehmen müssen. Daß auch auf Borkum keine Holländer leben, versteht sich am Rande.

Holland fordert eine Reihe von Konzessionen an deutschen Kohlenbergwerken des Aachener Reviers mit der Maßgabe, daß die Förderung dieser Gruben „in jeder Hinsicht als ein Ergebnis niederländischen Bodens betrachtet werde“. Praktisch würde das bedeuten, daß mehr als 6. v. H. der gesamten Steinkohlenförderung des rheinisch-westfälischen Bergbaus nicht mehr der deutschen Verfügung unterlägen. Angesichts der Bedeutung, die die Kohle als zurzeit nahezu einziger deutscher Exportfaktor erhalten hat, würde diese Forderung einen schweren strukturellen Eingriff bedeuten, denn es soll, laut holländischer Note, „der Verkauf der Kohle eine rein niederländische Angelegenheit innerhalb des niederländischen Währungssystems sein“. Wenn die Holländer für eine spätere Lösung davon sprechen, daß in Deutschland „die normalen wirtschaftlichen Verhältnisse in 40 bis 50 Jahren wiederhergestellt sein“ können, so darf man daran erinnern, daß Stalin sogar für den Wiederaufbau der so stark zerstörten Sowjetunion einen Zeitraum von sieben Jahren nannte.

Alle jene Maßnahmen schließlich, die Holland auf dem Gebiet der Transporttarife der deutschen Eisenbahnen und Wasserwege, Hafen- und Lagergebühren fordert, um eine „unfaire Konkurrenz“ gegenüber den holländischen Häfen zu verhindern (wofür eine interalliierte Tarifkontrolle angeregt wird), sind nicht nur ein deutlicher Schlag gegen die deutschen Nordseehäfen, sonderm bedeuten gleichzeitig eine wirtschaftspolitische Bevormundung, die einen direkten Eingriff in jede künftige wirtschaftpolitische Souveränität Deutschlands darstellen würde. Wenn darüber hinaus ein Verbot gefordert wird, neue Kanäle zu bauen oder die Rheinschiffahrt „auf andere, als die natürlichen Wege“ zu lenken, so ist das nicht nur die gleiche Bevormundung innerdeutscher Maßnahmen, sondern gleichzeitig kaum, vereinbar mit den Absichten, die die alliierten Mächte mit dem Ausbau des Weser-Ems-Kanals, des Mittelland-Kanals und der Nordseehäfen verfolgen. Die endlich noch geforderte Ausrichtung der deutschen Finanzpolitik auf holländische Interessen vermag ein Bild nur abzurunden, das ohnehin schon durch sich selbst spricht. Wir bezweifeln, ob der Geist, der aus allen den jetzt erhobenen holländischen Forderungen spricht, für Holland selbst gute Zinsen tragen wird. Auch die deutsche Not kann, wenn Europa überhaupt leben will, nicht ewig währen. Dann aber wird Deutschland wieder Kunde sein, und das bedeutet die Wahl des Käufers nach eigenem Geschmack. Die Geschichte kennt das Beispiel Chinas, das selbst in den Tagen seiner größten Armut und Zerrissenheit mit der Empörung des Boykotts das übermächtige Jappen in eine Lage brachte, aus der dieses nur noch den Ausweg der Waffen sah. Erzwungene Gebietsabtretungen haben sich noch nie als Grundlage der Freundschaft erwiesen. Dagegen pflegten sie der Vater ständiger Grenzstreitigkeiten und jahrhundertelangen Nationalhasses zu werden, Nichts von alledem kann das neue Europa brauchen, nichts von alledem liegt auch in den eigenen Interessen Hollands. H. A. v. Dewitz