Von Erwin Topf

Debatten des Unterhauses werden in Deutschland mit regem Interesse gelesen, besonders von jüngeren Menschen, die bestrebt sind, sich einen Einblick in die Arbeitsmethoden einer voll funktionierenden Demokratie zu verschaffen. Mit Erstaunen zunächst und später mit Bewunderung stellen solch beflissene Leser gewöhnlich fest, welche großen Freiheiten den Sprechern der parlamentarischen Opposition in ihrer Kritik an Regierungsmaßnahmen zugebilligt werden. Besonderen Nachhall findet natürlich beim deutschen Leser jede Kritik an Dingen, die als unnötige Härten und als sachlich nicht gerechtfertigte Erschwerungen unseres Ringens um Existenzbehauptung empfunden werden. Wer will es uns verargen, daß Major Bramall, M. P., uns herzlich sympathisch war, nachdem er die britische Politik, aus Deutschland Kohle und Holz zu exportieren, als „die größte Narrheit“ bezeichnet hatte? Um so größer war die Überraschung über seine Erklärung von Mr. Hynd, es sei die Absicht, Deutschland aus einem auf die Holzeinfuhr angewiesenen Land „in ein großes Holzausfuhrland zu verwandeln“.

Das ist nun freilich, gelinde gesagt, ein erstaunliches Programm. Zweifellos ist Deutschland heute in allen vier Zonen zu einem: Exportland für Gold, Silber und Edelsteine geworden – in einem illegalen, wirtschaftlich höchst anfechtbaren Austausch gegen Tabak. Es kann jederzeit auf vernünftiger ökonomischer Basis zu einem Ausfuhrland für Butter und für Bacon werden, vorausgesetzt nur, daß hinreichende Mengen an Ölsaaten (Öl für die Margarineproduktion, Ölkuchen als Milchleistungsfutter) und an Futtergetreide hereinkommen. So ist es möglich, geradezu unwahrscheinliche Exportleistungen zustande zu bringen. Unmöglich aber ist es, Deutschland zu einem Holzausfuhrland zu machen.

So nämlich liegen die Tatsachen: Deutschland hat (nach den Grenzen von Versailles) bei normaler Nutzung seiner Waldbestände jährlich 35 bis 40 Mill. Festmeter Holz produzieren können. Um den Bedarf zu decken, mußten jährlich etwa 12 bis 15 Mill. Festmeter eingeführt, werden. Die Importdrosselung nach 1933 hat bei steigendem Verbrauch zu einem immer stärker in die Bestände eingreifenden Holzeinschlag geführt, der bereits bis hart an die Formen des Raubbaus heranreichte. Es ist seit 1933 zwölf Jahre lang etwa 50 v. H. mehr an Holz geschlagen worden, als der natürliche jährliche Zuwachs ausmacht. Seit dem Kriege hat man es dazu auch bei den Wiederaufforstungsarbeiten fehlen lassen. Nach Kriegsende ist zur Deckung des dringendsten Brennholzbedarfs effektiv Raubbau betrieben worden. Der Bedarf an Holz für den Wiederaufbau wird je nach der Grenzziehung, die sich im Friedensvertrag ergibt, auf 150 bis 200 Mill. Festmeter geschätzt, und dies selbst dann, wenn überall holzsparende Bauweisen (insbesondere bei den Dachkonstruktionen) in Anwendung kommen. Es besteht also, auch wenn man das Wiederaufbauprogramm auf 10, 15 oder 20 Jahre ausdehnt, ein gewaltiger Einfuhrbedarf – selbst unter der Annahme, daß der sonstige industrielle Bedarf bei verringerten Industriekapazitäten und abgesunkenem Lebensstandard die Vorkriegszahlen auf lange Zeit hinaus nicht wieder erreicht. Fehlt es an Exportmöglichkeiten und damit an Devisen, um diesen Mehrbedarf durch Einfuhren zu decken, so muß entweder eine Verzögerung des Wiederaufbaus und ein weiterer Druck auf den Lebensstandard in Kauf genommen werden – oder aber die oft genug in eindringlichen Worten geschilderte Gefahr, daß es im Gefolge überhöhter Abholzungen zu einer Störung des Wasserhaushalts im Boden kommt, zu Abschwemmungen der Humusschicht, Hochwasser- und Trockenschäden und schließlich zu einer beginnenden Versteppung mit verhängnisvollen Folgen für die Erzeugungskraft nicht nur der Waldböden, sondern nun auch der landwirtschaftlich genutzten Flächen.

Das also ist die Situation. In dieser Lage hören wir nun von großen Kahlschlägen in der sowjetischen Zone, wo etwa die Hälfte der uns verbliebenen Waldflächen – meist auf geringwertigen Böden des Trockenklimas, also bei ungünstigen natürlichen Wachstumsbedingungen – liegt. Wir hören von Abholzungen im belgischen Grenzgebiet, von großen Holzexporten aus der französischen und aus der USA-Zone, von riesigen Kahlschlägen im Harz, im Teutoburger Wald und den übrigen Mittelgebirgen des britischen Besatzungsgebiets. Was wir nicht erfahren, das ist, um welche Mengen es sich wirklich handelt, zu welchen Preisen sie ins Ausland gehen, welche Gutschriften (und auf welche Konten) für deutsche Rechnung erfolgen. Außerdem interessiert uns schließlich auch, In welchen Händen die Durchführung dieser riesigen Holzgeschäfte liegt: ob Fachleute der ausländischen Forstverwaltungen dafür maßgebend sind oder ob, wie es hartnäckige Gerüchte besagen, Interessenten aus den Kreisen des Holzgroßhandels das Heft in der Hand haben. Seit Oktober 1945 ist ein volles Zehntel der Gesamtwaldfläche in der britischen Zone abgeholzt worden: zehnmal soviel also, wie der normale „forstliche Abnutzungssatz“ sein würde. Zur Beruhigung der Öffentlichkeit wurde von verantwortlicher Stelle, also von der N. G. Tauber Control, mitgeteilt, daß weiterhin, zunächst bis Ende 1947, 2 v. H. der gesamten Waldfläche abgetrieben werden sollen. Das sei notwendig mit Rücksicht auf die internationale Holzknappheit. Das Holz werde in England verarbeitet und danach in die westeuropäischen Wiederaufbaugebiete verbracht; der Erlös fließe dem Fonds zu, aus dem die Lebensmitteleinkäufe für die deutsche Bevölkerung bestritten werden.

Diese amtlichen Auskünfte geben Anlaß zu einer ganzen Reihe weiterer Fragen. Ist es wirklich notwendig, zunächst, daß noch ein weiteres Jahr die doppelte Quote des normalen Zuwachses geschlagen wird, und dies unter Bedingungen, in denen die Bestände bereits schwer „angeschlagen“ sind, also nur die Hälfte bis günstigenfalls zwei Drittel des Normalen an Zuwachs bringen? Weiter: Kann der Holzeinschlag nicht in deutscher Regie und durch deutsche Arbeiter erfolgen, anstatt durch Displaced Persons, die durch (mit den deutschen Verhältnissen nicht restlos vertraute) Fachleute aus Forstwirtschaft und Holzhandel zur Arbeit angesetzt werden? Sind diese Methoden, die an die Exploitation von Kolonialländern erinnern, Wirklich der Weisheit letzter Schluß – und würde man nicht zu besseren Ergebnissen kommen, wenn von den zuständigen deutschen Verwaltungsstellen die Erfüllung gewisser Mengenumlagen verlangt würde? Weiter wäre anzuregen, daß Deutschland nicht (oder nicht nur) Rundholz exportieren sollte, sondern geschnittene Ware – also Bretter und Balken – und womöglich auch Fertigware, wie genormte Fenster, Türen und Treppen, oder auch montagefertige Holzhäuser. So könnte doch wenigstens ein Teil der „Veredelungsspanne“, die zwischen dem Preis für Rundholz und den Preisen der fertigen Bauelemente liegt, durch deutsche Arbeit verdient werden; entsprechend also könnten die Zuschüsse verringert werden, die der britische Steuerzahler für den Einkauf der nach Deutschland verbrachten Lebensmittel aufzubringen hat.

Ja man könnte bei den Vorschlägen, die deutschen Gegenleistungen für die Getreideeinfuhren zu „kommerzialisieren“, ohne Schädigung der britischen Interessen sogar noch einen Schritt weiter gehen mit dem Vorschlag, ausländische Hölzer nach Deutschland zu verbringen, um sie hier zu Fertigmaterial zu veredeln, so daß die Bezahlung der Lebensmittel aus dem ,,added value“ zu erfolgen hätte. Es gibt nämlich trotz der Klagen über den Holzmangel am Weltmarkt noch unendlich große Holzreserven auf der Welt: nicht nur in Sowjetrußland, wo man erst kürzlich das Wort von „unerschöpflichen Vorräten“ gehört hat, sondern vor allem in den tropischen Wäldern, Ein gutes Fünftel der Waldflächen, die (mit 3 Milliarden Hektar) insgesamt vorhanden sind, liegt in der Sowjetunion; ein weiteres Fünftel gehört dem britischen Weltreich, während der deutsche Anteil in den Grenzen von Versailles noch nicht einmal ein halbes Prozent ausmachte. Ist die Idee, deutsche Holzfällerkommandos – nicht als Zwangsarbeiter, sondern all freiwillig Geworbene – nach Kanada oder in die tropischen Gebiete von Britisch- und Französisch-Afrika oder auch nach Südamerika zu schicken, um diesen Reichtum zugunsten der westeuropäischen Wiederaufbaugebiete zu nutzen, heute wirklich noch vermessen und außerhalb aller Realisierungsmöglichkeiten? In Holzfällercamps am Kongo und in Insulinde wären junge Männer, die durchaus ins Ausland gehen wollen, jedenfalls für den wirtschaftlichen Wiederaufbau nützlicher untergebracht als in den Lagern der Fremdenlegion ...