In Trümmern unsterblicher Besitz

Von Carl Georg Heise

Wenn man den Kölner Dom betritt, so ist man betroffen von Umfang und Intensität der aufräumenden und restaurierenden Arbeit, die dort geleistet wird. Zum Gedenken an die Grundsteinlegung vor 700 Jahren hofft man, 1948 dort den ersten Gottesdienst wieder abhalten zu können. Aber warum hat man quer durch das Langhaus einen tiefen Graben gezogen? Man repariert nicht nur, man gräbt aus zur gleichen Zeit, man forscht, denn die Gelegenheit dazu ist einmalig. Die Stadt und die Kirche tragen gemeinsam die Kosten für die Aufdeckung der römischen Grundlagen, auf denen der Dom gebaut ist; ein Längsschnitt demonstriert die verschiedenen Schichten, und der Ausgräber vermag leicht festzustellen, wie die Fahrstraßen verlaufen (unter einer holprigen des frühen Mittelalters die wesentlich bessere der römischen Zeit), wo Häuser gestanden haben und schließlich, wie etwa der Grundriß des ganzen Platzes ausgesehen haben wird. Beim Blick vom Boden in die Höhe sieht man auf das gotische Riesenwerk, das bekanntlich erst im 19. Jahrhundert vollendet worden ist; die Kontinuität der Entwicklung dieser ewig lebenden Stadt kann nirgends besser als hier nacherlebt werden. Schon während des Krieges beim Bau des Dom-Bunkers hat man ein römisches Mosaik des 2. Jahrhunderts entdeckt, das größte zisalpinische, das wir besitzen. Über dem Erdboden die Trümmer, unter ihm werden alte Schätze gehoben. Die dionysischen Darstellungen sind nicht allerfeinste Arbeit, aber die jetzt vollständig freigelegte und gut gepflegte Pflasterung des Festraumes einer offenbar einstmals pompösen Villa wirkt wie ein Teppich, hat, namentlich auch in den Ornamentalen Teilen, eine handwerkliche Meisterschaft und eine sichere dekorative Haltung, die kaum zu übertreffen sind.

Der Gedanke beschleicht uns: Die Alten haben Unermüdlich Neues geschaffen, Schicht um Schicht können wir freilegen, aber bestenfalls konservieren Wir, über allem ist die Zerstörung. Wer mit solchen Bedrängnissen die Glasfenster-Ausstellung in der neuen Universität betritt, darf beglückt einer unermüdet fortwirkenden künstlerischen Aktivität innewerden. Schon die Veranstaltung als solche hat nicht nur bewahrenden Charakter: niemals zuvor haben diese Zeugnisse höchster Kunstleistung des Mittelalters vom 13. bis zum frühen 16. Jahrhundert eine so eindringliche Strahlungskraft zu üben vermocht wie hier! in einem nach außen verdunkelten Kellerraum, von innen künstlich beleuchtet. Diese Versammlung des Besten aus zehn Kölner Kirchen ist ein europäisches Ereignis. Man kann nicht nur die Fülle und Werthöhe künstlerischer Meisterschaft bestaunen, man erlebt eindringlich das Wunder, wie dienende Kunst, äußer- – lich zweckgebunden als Schmuck des Bauwerks und innerlich ganz dem Kultus zugeordnet, durch ihren Symbol-Gehalt jene überzeitliche Mächtigkeit erhält, die jeder noch so bedeutenden, rein individuellen Leistung versagt bleibt. Das Mittelalter als Vorbild und Aufgabe – nirgends läßt sich das heute lebendiger begreifen als in Köln, das doch weithin in Schutt und Asche liegt. Dazu kommt die Überraschung – eine mutige Tat der Ausstellungsleitung und ein Beweis für die ungebrochene Kultur des Auges hier im Westen. –, daß an die alten Fenster eine stattliche Reihe von modernen angeschlossen ist, die für eine Auferstehung der alten Glasfenster-Tradition den geradezu überwältigenden Beweis erbringt. Gewiß, manches ist archaisierend (aber auch dieses schon handwerklich ausgezeichnet), anderes in der künstlerischen Formengebung noch tastend (Campendonk, Ronig), einiges aber, und gerade das Jüngste, von überzeugender, ganz vom Geist unserer Tage geprägter dekorativer Schönheit, wie die 1943 für St. Columba geschaffenen Scheiben von Ludwig Gies.

So wirkt es tief sinnvoll, daß gerade Köln es gewesen ist, das durch die großartige Stiftung eines modernen Sammlers als erste deutsche Stadt die Lücke hat füllen können, die in den öffentlichen Sammlungen durch den Kunstraub der nationalsozialistischen Zeit überall sonst noch ungeschlossen ist: Die „Entarteten“, die doch in Wahrheit mit ihrer Prägekraft eines wieder aus den Tiefen echten zeitgenössischen Erlebens neugewonnenen Stils die Wegbereiter einer Überwindung der zerstörerischen Kräfte eines hemmungslosen Individualismus gewesen sind, die heimlichen Sieger der Epoche, haben in der Sammlung Haubrich eine vorbildliche Pflegestätte gefunden. Sicherlich Wird es noch nicht allgemein empfunden, wie hier der legitime Anschluß an die Bemühungen der Großzeit unserer künstlerischen Tradition gefunden ist, doch wer aufgeschlossenen Sinnes, von der Glasfenster-Ausstellung kommend, diese Übersicht über die nachimpressionistische Kunst betrachtet, kann sich der Einsicht nicht verschließen, daß nicht die Rückkehr zu symbolhaltiger Darstellung, zu einer magischen Durchleuchtung der anschaubaren Dinge dieser Welt, eine „Entartung“ bedeutet, sondern vielmehr in den Jahrhunderten vorher, die sich oft allzu unbedenklich, das äußerliche Abbilden – der Natur zum Ziel gesetzt haben, bei letzter Konsequenz die edelsten Möglichkeiten gleichnishafter Zeichensetzung verspielt worden sind. Die Haubrich-Sammlung ist keine endgültig gesiebte Elite des schlechthin Besten. Es ist eine Art „Probe-Galerie“, die ohne Anspruch auf abschließende Wertung den Kontakt mit den produktiven Kräften der Gegenwart aufrecht erhält.

„Köln lebt“, so begann der Oberbürgermeister seine Rede anläßlich der kürzlich veranstalteten Kulturtage, und wenn auch vieles erst Anfang und Verheißung ist, so beweist doch nicht zuletzt die Aktivität auf bildkünstlerischem Gebiet die Richtigkeit dieses Wortes. Es kann nur auf das dringlichste gewünscht werden, daß es auch in anderen Teilen des Landes verstanden werden möchte, wie sehr gerade die Erziehung des Sehens, die bei uns als dem Volk der Denker, Dichter, und Träumer vielfach bedenklich zurücksteht, dazu beizutragen vermag, den mangelnden Sinn für die Realität zu fördern, der immer die schwache Seite der Deutschen gewesen ist und zu der gegenwärtigen Katastrophe nicht unerheblich beigetragen hat. Das neue Köln schickt sich an, auf diesem Gebiet zur Hohen Schule der Nation zu werden.

Fast hat das daneben einen schweren Stand, was ferneren Vätern das Höchste gewesen ist. Die kleine, aber sehr gepflegte Sammlung von Niederländern des 17. Jahrhunderts, die noch vor nicht allzu langer Zeit durch die Erwerbung der Sammlung Carstanjen abgerundet und qualitätsmäßig kräftig gehoben werden konnte, hat durch die Zerstörung des Wallraf-Richartz-Museums kein Heim mehr In den engen, aber reizvollen Räumen der Eigelsteintorburg hat der neue Museumsdirektor Prof. Dr. Leopold Reidemeister, der die Seele der ganzen Kölner Kulturpflege ist, eine Auswahl von nur 28 Gemälden dieser Epoche eingerichtet, die vergleichsweise klassisch wirkt. Sie hat für uns heute nicht den erregenden Charakter. der mittelalterlichen und der modernen Kunst, aber durch Konzentration auf die erlesensten Proben kommt auch ihr maßstäbliche Bedeutung zu. An die Stelle breiter historischer Übersicht ist die Heraushebung der Höchstleistung getreten, Meisterwerk reiht sich an Meisterwerk. Auch hier ist aus der Not eine Tugend geworden. „Aus dem wenigen ein vieles an innerem Besitz zu machen, ist unsere Aufgabe“, das steht als Motto über diesen wechselnden Qualitätsdarbietungen aus Museumsbesitz. Werke wie Rembrandts spätes Selbstbildnis oder sein Christus an der Martersäule sind wohl noch niemals zu so eindringlicher Zwiesprache mit dem Betrachter dargeboten worden wie hier, wo man täglich die Beobachtung machen kann, wie die einzelnen Werke nicht in flüchtigem Rundgang vom Kunstfreund registriert, sondern betrachtend auswendig gelernt werden.

Nimmt man hinzu, was von privater Initiative geleistet wird, etwa durch die August-Macke-Ausstellung der Kunsthandlung Rusche oder die Veranstaltung des Kölner Kunstvereins im Hahnentor. die den dichten Wuchs, junger rheinischer Talente erkennen läßt, so rundet sich das Bild der Kunstpflege in der Metropole des Westens, die im wahren Wortsinn aus den Ruinen neues Leben erblühen läßt, zu hoher Vorbildlichkeit.