Ein französischer Film

Französischen Scharm und französischen Schick, fließenden Seidenglanz preziöser Kleider und jene Zutaten, die von den einen als Luxus, von den andern als die Dinge bezeichnet werden, die das Leben lebenswert machen, zeigt die norddeutsche Erstaufführung eines französischen Films „Falbalas“ (im Waterloo-Theater Hamburg). Deutsche Zuschauer müssen sich heute einen kleinen Ruck geben, um eine Umschaltung auf diese liebenswürdigen Nichtigkeiten zu erreichen, die den Rahmen der Handlung bilden.

Die Story ist mit einem Wort ausgedrückt: Liebe. Oder mit einem Satz erzählt: Ein schöner, liebenswerter Engel (die betörende Micheline Presle) treibt einen Keil in eine Männerfreundschaft, eine Rivalin in den Selbstmord, einen erfolgreichen Pariser Modeschöpfer in den Tod. Da wir lange keinen französischen Film gesehen haben, ist uns, die wir doch künstlerisch so lange aus der „Konserve“ gelebt haben, die Feststellung interessant, daß wir auch hier einem Stil &begegnen,’ der die Moderne in allen Ländern kennzeichnet. Menschen von heute werden wir konfrontiert, die nicht im Damals, in der Erinnerung schwelgen, sondern. Menschen dieser Zeit sind: feinnervig, gehetzt, zerrissen, an der Grenze – wenn man schnell urteilt, – zum Pathologischen, zum Übersinnlichen.

Raymond Rouleau gibt aus dem einen, auf hohen Touren laufenden, Temperament getriebenen Modeschöpfer Profil, der in seiner Hochburg der Haute couture über ein Heer von Frauen regiert, der von Liebe zu Liebe stürzt, um die Mädchennamen einzureihen als Modellnamen in die Kette, seiner Schöpfungen, der die Frau die Seele seiner Kleider nennt und mit einer Modellpuppe in den Armen in den Tod sinkt, irrlichternd im Zwiespalt zwischen Liebe und Schöpferlaune.

Da der Film des in seine Einfälle verliebten Regisseurs Jacques Becker aus Frankreich kommt, ist trotz mancher Länge schwebende Leichtigkeit und schillernder Scharm in dem pikanten Defilee aparter Frauen, in der verdichteten Atmosphäre begeisterter Arbeit des Modehauses, im Spiel der Liebe, und auch das Tragische dieser „tragischen Filmkomödie“ ist noch von schwereloser Anmut. Erika Müller