Sokrates ging heute vormittag über den Rathausplatz. Er war aus der Unterwelt für einen Tag heraufgekommen. Wie er seit Jahrhunderten ging und stand, war er abgereist, in seiner etwas abgeschabten Gelehrtentoga, auf Sandalen, barhaupt, nicht sonderlich rasiert, ein paar Bücherrollen unter dem Arm. Aber den Kopf voller Gedanken zu einer Reder die er den Menschen sogleich halten wollte, denn er hatte ihnen viel zu sagen.

So schritt er über den Rathausplatz und schaute den Menschen ins Gesicht, um darin zu lesen, und was er darin las, erschreckte ihn tief, denn es war, als blicke er beständig in ein Buch mit leeren Seiten. Man achtete anfänglich nicht viel auf ihn; wer ihn bemerkte, dachte wohl einen Augenblick lang, daß dieses auch ein Ostflüchtling sei, der nur ein Bettuch habe retten können.

Sokrates blieb an der Ecke des Rathauses stehen und bedeutete den Leuten, daß er reden wolle. In Athen hatte man sich schneller um ihn geschart. Endlich sammelte sich ein Häuflein Neugieriger und Müßiggänger, mehr Jugendliche als Alte, und das war ihm lieb so. Also begann er: „Jünglinge!“ Man stutzte und sah ihn an. Wen meinte er? War man ein Jüngling? Ein seltsames Wort „Jünglinge“! Man war doch nicht Mitglied eines Jünglingsvereins, man hatte doch nichts mit Moral zu tun!

„Jünglinge!“ begann Sokrates abermals, „vergesset nicht, die Tugenden zu üben, denn Sie allein machen das Dasein menschenwürdig!“ – „Tugenden?“ fragte man sich, wieder so ein altertümliches Wort. Jetzt lächelten, einige und witzelten etwas von letzter Konfirmationsstunde und anderen Knabenerinnerungen. Sokrates wollte mit Frage und Gegenfrage in sie dringen und ihnen den Begriff der Tugend erwecken, aber er merkte bald, daß er eine falsche Sprache sprach, daß niemand mehr recht wußte was mit Tugend gemeint sei. Er erschrak einen Augenblick lang und sammelte sich. Was hatte, es für einen Sinn, diesen Menschen vom hohen Wert der Treue, Aufrichtigkeit, Wahrheitsliebe, Bescheidenheit, Demut und Selbsterkenntnis, der Höflichkeit, Nachsicht, Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Ehrbarkeit zu sprechen, vom Herkommen Und Sitz dieser Tugenden in der Seele und ihrer Unsterblichkeit, wenn diese Zuhörer ihn nicht verbanden?

Also griff er rasch zu einer anderen rhetorischen Methode Und begann mit Beispielen und Bildern. Und begann von Herakles am Scheidewege, den die Liederlichkeit lockte und der der Tugend folgte; von Philemon und Baucis, die dem Armen ihre Hütte nicht versagten und dafür von Gott belohnt wurden; und von Penelope, die ihrem Gatten Odysseus die Treue hielt auch über die langen Jahre der Trennung durch Krieg und Not. Und wieder lächelte die Menge verständnislos und witzelte über die seltsamen Namen, denn sie hatten noch nie etwas von Herakles, Philemon und hatten oder von Penelope gehört.

Und Sokrates merkte, daß er seine Beispiele aus einer jüngeren Zeit wählen mußte, um den Gegenwärtigen verständlich zu bleiben. Also erzählte er vom Kurfürsten Friedrich dem Weisen aus der Zeit Martin Luthers, der ein edles Herz besessen und einen Edelmann seiner Umgebung, einen rohen Bauernschinder, also gescholten, hatte: „Wahrlich, Er ist ein böser Mensch, denn Er ist armen Leuten ungütig.“ Und Sokrates erzählte von einem jüngst verstorbenen Dichter, der die Wahrheit über alles liebte in seinem Werk und seinem Leben. Seinen ältesten Sohn ließ er in einer Malerwerkstatt lernen Als dieser Sohn eines Tages traurig berichtete, die anderen Lehrlinge hätten ihn gezwungen, seine Arbeit langsamer zu verrichten, damit, der Meister Überstunden bezahlen müsse, und er solche Unredlichkeit verweigert hätte, da hatte ihn der Vater gelobt.

– Auch hier lachten die Zuhörer hellauf, und Sokrates hielt betroffen inne. Was es da zu lachen gäbe, fragte er bestürzt. Man erklärte ihm, daß der junge Malerlehrling wohl nicht ganz bei Verstände gewesen sei, wenn er dieses harmloseste Mittel zur Erhöhung des Tagelohnes nicht billige, Wie sollte denn ein junger Mensch überhaupt durchs Leben kommen? Und was stelle sich der Herr Prediger eigentlich vor, wie sie alle hier zu ihrem täglichen Brot kämen? Und man zwinkerte sich verständnisvoll zu und schüttelte sich vor Lachen über den komischen Alten.