Von Walter Henkels

Es ist nicht mehr – die auf Goldgrund gemalte Landschaft. Zwar ist der Fluß noch ruhig, milde und gelassen, aber vom Trara einstiger Moselpoesie ist nicht viel mehr geblieben als das Geranke der Trauben. Das literarische Geranke ist panisch zerstoben. Jabos, Artillerie und Pionierkommandos haben sämtliche 22 Brücken von Koblenz bis Trier zerbombt, zerschossen und gesprengt. Und der nämliche Jammer, die nämliche Zerstörung und Verwüstung, wie sie Vater, Rhein getroffen haben, haben auch Mosella, seine liebliche Tochter, getroffen. War das Moseltal einst nicht mehr als ein Panorama von Farben, und Lichtern, Weinhängen; Dörfern und Burgruinen? War es nur Bild, nur Eindruck und äußeres Gesicht? Ich sitze im Zuge und fahre moselaufwärts. Es ist November und das Jahr 1946.

Der Zugführer, hat es anscheinend zu einer gewissen Meisterschaft im Übersehen bestimmter Eisenbahnvorschriften, gebracht In Winningen wird eine protestierende Ziege ins Abteil geschoben, wodurch das Wiedersehen mit der Mosel viel an Feierlichkeit verliert. An den offenen Fenstern, denen beiderseits, die Scheiben fehlen, sehe ich die hundert und aber hundert Szenen Bild und Gleichnis für die Veränderung. Die Burg Thurandt ist zerschossen. Ein deutscher Artilleriebeobachter hat dort gesessen, In Kobern stehen. ausgebrannte Hausskelette. Der Bahnhof Kochem ist zerstört. An einem Kirchendach hat sich das Schicksal entladen. Langsamen Schrittes, das schwarze Büchlein lesend, wandert ein Pfarrer in langer Soutane an einer Friedhofsmauer. Eine Katze streunt durch die Moselwiesen. Krähen schreien und ziehen schwirren Flugs dahin, wie es bei Nietzsche heißt. Fast vor jedem Haus liegen Fuderfässer Einem Wein-Kommissionär ist das Hausdach abgedeckt. Maischebottiche und Traubenmühlen ich ungezählte. Jan Kind winkt herüber An der Moseluferstraße bastelt ein Mann an seinem Holzgasgenerator, und man meint ihn fluchen zuhören. Eine Trikolore weit über einem Gebäude, das vielleicht das Rathaus ist. Ich grüße die Legionen der Rebstöcke, die hangauf, hangab ziehen, traurig, und verspielt, Terrasse über Terrasse. Die Weinlese ist beendet. Ich lese die Namen von Lagen: Mülheimer Sonnenlay, Koberner „Ulener, Klottener Rosenberg, Kochemer Schloßberg. Christopherus steht sinnierend an einer Kapelle, in die die Rebstöcke, mit franziskanischem Wohlwollen empfangen, buchstäblich hineinmarschieren. Sofort weiß man es, und man braucht die Kirchen nicht zu zählen: das Trierer Domkapitel herrscht hier seit vielen Jahrhunderten. Es ist die Hochburg des Katholizismus. Das Moseltal ist nicht nur ein Weinberg des Rieslings, es ist auch ein Weinberg des Herrn. Am Fluß“ stehen, zwei Angler, Bruderschaft der Stillen, und fangen Rotaugen, Barben und Kletsche, welch letztere ich im Lexikon vergeblich suche. Mit braunen Herbstlaub sind die Kämme der Hunsrück- und Eifelberge paspeliert.

Hinter Kochem, bei Eller, beginnt die Isolierung des Moseltals. Dort ist der Verkehrsstrang brutal durchschnitten. Es wird noch eine Weile dauern, bis die – Eisenbahnbrücken von Eller und Bullay wiederhergestellt sind. Zweiramponierte Moselbötchen, gegen deren Armseligkeit die alten römischen Treidelschiffe noch großartig wirken müßten, zuckelt die Reisenden bergan bis Neef, wo eine Miniatireisenbahn, das einst weltberühmte „Saufbähnchen“, die Reisenden in Richtung Traben-Trarbach, Bernkastel, Trier erwartet, ein buckliges, kümmerliches, hoffnungsloses und verwahrlostes Kind Merkurs, das dem Reisenden mit seiner Flugasche rücksichtslos ein Loch in den Mantel brennt, ein symbolisches Wesen für die träge Mosel, des 20. Jahrhunderts obstinat spottend.

Nun da die Ziege verschwunden ist, wird eine neuartige Burleske im Abteil gespielt, überzogen freilich vom Schimmer Weiteren Glanzes, Im Abteil stinkt es penetrant, Eine Frau, eine Kölnerin, ein erbarmungswürdiges, ausgehungertes Wesen, bekennt sich zu diesem Gestank, der literarisch kaum verwertbar ist. Sie hat sechzehn Heringe bei sich, genau sechzehn. Für vier Heringe geben sie an der Mosel eine Flasche Wein, „Kompensation“, sagt die Frau, die weiß, wo Barthel den Most holt Von dieser Kompensation lebt sie. Und damit steht auch dieses trübe Kapitel schon wieder überlebensgroß, vor uns.

Man kann es auch an der Mosel nicht wegdiskutieren. Der Schwarze Markt, der Tausch oder, wie de Kölnerin sagt, die „Kompensation“, ist längst keine Frage der Moral mehr (wo wäre er das!). Er ist eine Frage, des Kommerziellen, des Sozialen, des Kriminellen gleicherweise. So ist der Wein aus den Bereichen des Dionysischen in niedere Gefilde gestiegen. Wie in andern Zonen die Zigarette, so ist an der Mosel die Flasche Wein zum bestimmenden Währungsfaktor geworden. Die Realität dieser Heringsszene ist des Zufälligen schnell entkleidet.

Zu viert wurde nachher in einem seines Weihes wegen berühmten Moseldörfchen in einem tief in den Berg führenden Weinkeller ein „Stehkonvent“ aufgemacht: der Winzer, der Bürgermeister, der Brieftriger und der Zeitungsschreiber. Es wurde über den „Neuen“ gesprochen, über den 46er, dessen Most vor ein paar. Tagen in die Fässer gekommen war und der nun schon kräftig gärte und tobte, der bereits „lockelte“, wie der Winzer mit einem ebenso treffenden wie schalkhaften Provinzialismus sagte. Zwischendurch „genehmigte“ sich das Männerkollegium einige Flaschen 43er, 44er, 45er abwechselnd. Ein Diskurs über Farbe, Geruch und Geschmack löste eine Generaldebatte aus über Heringe und Weinblockade, und es erging dem Zeitungsschreiber, von der Seltenheit der Jahrgänge betört, leider nicht so wie weiland dem Dichter von der Vogelweide, der gerne trank „wo man rechtmit Maße schenket und wo an Unmaß keiner je gedenket“. Es stellte sich alsbald heraus, daß wir Heutigen nichts mehr, vertragen können. Und als am nächsten Morgen auch die Natur ihre Mittel in Bewegung gesetzt und alles, Berg, Baum, Rebstock, Dorf und Himmel, mit den wundervollsten bengalischen Effekten versehen hatte, als dasLicht unabhängig Formen trieb und Farben projizierte, da war es klar: es gibt sie noch, die Moselpoesie! Oh, Freunde, es gibt sie noch!